Eine tollkühne Vorstellung: in zwei Sekunden von Berlin nach New York oder ins Nappa Valley zu kommen, nach Venedig, an die Gestade Griechenlands oder - nach Karvina.

Vermutlich gibt es nur wenige Menschen, die diesen Ort kennen. Er liegt dort, wo das Gebiet Schlesiens beginnt, ein Landstrich hinter Mähren in Tschechien. Karvina hieß vor dem Zweiten Weltkrieg einmal Freistadt, war ein Bergarbeiterort, hatte nicht mehr als ein paar tausend Einwohner, von denen gerade mal eine Hand voll Menschen Biolek hieß.

Weil nach und nach die Nachbardörfer wegen des Kohleabbaus für immer in der Erde versanken - unter ihnen auch ein Ortsteil namens Karvin -, legte man irgendwann die Namen von Freistadt und Karvin zusammen.

Das Karvina von heute, eine Universitätsstadt mit noch immer etwas ärmlichem Charme, war also mal meine Heimat, der ich, seit wir von dort vor den Russen flüchten mussten, nie mehr begegnete.

Mit Karvina geht es mir in meinen Träumen so wie mit einzelnen Zielen in Amerika und Europa: Ich möchte in dem Moment dorthin, wenn ich an sie erinnert werde, um nach der Magie zu forschen, die ich an jenem Ort empfand.

Wenn mir das passiert, bin ich meistens allein. Und häufig gibt es für diese Traumsituationen Auslöser, die auf mich wirken wie Gedanken, die einen plötzlich durchfahren und eine ganz andere Kraft haben als die übliche Denkarbeit, die man im Allgemeinen verrichtet. Träumen hat für mich etwas mit Staunen zu tun: Und wenn ich über etwas staunen kann, sind die Träume nicht fern. In meinem Korridor hängen alte, kolorierte Postkarten, die die Stadt Karvina zeigen, als ich noch sehr jung war. Ich bin so sehr an sie gewöhnt, dass ich an ihnen mittlerweile vorbeigehe, als seien sie ohne Bedeutung.

Aber dann gab es einen Tag, an dem ich vor ihnen abrupt stoppte. Meine Finger strichen über das Rahmenglas, fuhren über den Marktplatz, die alte Kirche und ein Feld, durch das ich als kleiner Junge lief. Schneller als ein Gedankenblitz erinnerte ich mich an meinen Nachttraum von vor 20 Jahren.