Globalisierung ist für viele Zeitgenossen das umfassende Symbol all dessen, was falsch lief und läuft in unserer neuen Weltunordnung. Als einzige Weltmacht ist Amerika Symbol der Globalisierung. Die drei gewählten Ziele (drei - falls das in Pittsburgh abgestürzte Flugzeug tatsächlich auf dem Weg zum Weißen Haus gewesen ist) sind leicht entschlüsselbare Symbole der drei Säulen amerikanischer Vorherrschaft: wirtschaftlich, militärisch und politisch. Das Spiel mit diesen Symbolen zeigt, wie sehr die Verschwörer darum bemüht sind, sich als wahre Ritter und Rächer für all jene zu präsentieren, die von den globalen Mächten vernachlässigt und ihrer Zukunft und Menschenwürde beraubt wurden.

Doch wer auf die fürchterliche Terrorattacke nur mit einem militärischen Gegenschlag antworten will, wer sich damit begnügt, die Hintermänner unschädlich zu machen, begeht einen gefährlichen Fehler - auch wenn die ersten amerikanischen Reaktionen auf die Tragödie eine solche Kurzsichtigkeit befürchten ließen. Natürlich rechtfertigt kein Zweck verbrecherische Mittel; nichts kann diese Verbrecher entlasten. Und außer Frage steht, dass verstehen nicht vergeben heißt. Dennoch sollten wir innehalten und fragen, was verkehrt läuft in einer Welt, in der viele Menschen solche Terrorangriffe bejubeln. Warum weiden sie sich an dem Leid, dass der größten aller globalen Mächte zugefügt wurde? Warum stellen sie ihre Schadenfreude öffentlich zur Schau?

Alle sind sich darüber einig, dass der Globalisierungsprozess ein Netz von Abhängigkeiten über der Erde aufspannt, bis in den letzten Winkel, die letzte Nische. Es wäre völlig verfrüht, von einer globalen Gesellschaft oder einer globalen Kultur zu sprechen, geschweige denn von einer globalen Politik oder einem globalen Gesetz. Die Globalität des Kapitals, der Finanzen und des Handels sind für das Schicksal und die Zukunft des Menschen entscheidende Mächte. Bislang wurde diesen Mächten nichts entgegengesetzt; neue Gegenkräfte, die wiederum jene Mächte beherrschen, von denen die Menschen beherrscht werden. Der wirtschaftlichen Globalisierung fehlt eine globale demokratische Kontrolle - mit glücklichen Folgen für manche und katastrophalen für andere. Man könnte sagen, dass mit der Globalisierung alle Macht aus historisch gewachsenen Institutionen entwichen ist; Institutionen, die früher den Ge- und Missbrauch von Macht innerhalb moderner Nationalstaaten kontrolliert haben. In seiner jetzigen Form bedeutet Globalisierung die Entmachtung des Nationalstaates, ohne dass es einen wirkungsvollen Ersatz gibt.

Einen ähnlichen Houdini-Akt hat es früher schon einmal gegeben, inszeniert mit Vertretern der Wirtschaft. Für Max Weber war die Geburtsstunde des modernen Kapitalismus die Trennung von Geschäft (business) und Haushalt; der "Haushalt" steht für das dichte Netz gemeinsamer Rechte und Pflichten, die wiederum fest in Dorf- oder Stadtgemeinschaften, Gemeinden oder Handwerkergilden eingebunden waren. Durch diese Trennung driftete das Geschäft in ein Niemandsland, frei von moralischen Bedenken und rechtlichen Auflagen, stets bereit, sich dem geschäftseigenen Verhaltenskodex unterzuordnen. Diese nie dagewesene moralische Extraterritorialität wirtschaftlicher Aktivitäten führte seinerzeit zur spektakulären Steigerung industriellen Potenzials, zu großem Reichtum und zu tiefem menschlichen Elend, zu Armut und einer unfassbaren Polarisierung menschlicher Lebensstandards und -möglichkeiten. Später holten die modernen politischen Staaten das Niemandsland des Business in ihr Hoheitsgebiet zurück. Sie versuchten, seine ethische Leere zu füllen und das Leben der Bürger erträglich zu gestalten.

Globalisierung ist Teil zwei der historischen Trennung. Wieder hat sich das Geschäftemachen der politisch-ethischen Kontrolle entzogen, nur ist dieses Mal der hinterbliebene "Haushalt" ein moderner Nationalstaat mit all seiner wirtschaftlichen, militärischen und kulturellen Macht. Wieder hat das Geschäft ein exterritoriales Territorium ergattert, einen Raum für sich, in dem es frei umherstreifen darf, Einwände der Schwachen beiseite wischt und den Hindernissen der Starken ausweichen kann. Und wieder beobachten wir gesellschaftliche Auswirkungen ähnlich jenen, die wir bei der ersten Spaltung mit einem moralischen Aufschrei quittiert haben, nur sind sie dieses Mal von viel größeren, eben globaler Dimension. Dass wir uns von der Globalisierung menschlicher Technologie und wirtschaftlicher Aktivitäten zurückziehen, dies steht kaum zu erwarten. Deshalb lautet die Frage nicht, wie man den Fluss der Geschichte zurückfließen lassen kann, sondern wie man seine durch menschliches Elend hervorgerufene Verschmutzung bekämpfen und seinen Lauf so kanalisieren kann, dass es endlich zu einer gerechteren Verteilung des Wassers kommt.

Derzeit gleicht unser aller Zuhause einem Lagerraum, der bis zur Decke mit Dynamit gefüllt ist. Dynamit, das aus dem geballten Leid und Elend verarmter und enterbter Millionen besteht. Es gibt genügend potenzielle Terroristen, die mit Streichhölzern bereitstehen. Es ist der wachsende Berg von Dynamit, der uns zu schaffen machen sollte. Er ist es, der unsere volle Aufmerksamkeit und Tatkraft erfordert.

Zygmunt Bauman ist Professor emeritus für Soziologie in Leeds/England.