Diejenigen, die die Anschläge in New York und Washington verübten, hatten weder verhandelt noch Forderungen gestellt, noch an irgendjemand eine Botschaft gerichtet. Sie hatten auch nicht kundgetan, wer sie sind und was ihr Anliegen ist. Alles, was sie taten, war töten. Töten ohne geistige oder politische Rechtfertigung. Töten nicht als Mittel, sondern als Zweck. Die Gewalt, bar ihrer historischen Begründung, wandelte sich in einen bloßen Akt der Feindseligkeit, in einen um Beifall heischenden Mord, ein gewöhnliches Verbrechen - wenngleich ungeheuren Ausmaßes. Die Mörder haben weder eine Botschaft gesendet noch eine Erklärung gegeben. Es war ein Verbrechen gegen sie selbst, gegen Unschuldige, möglicherweise auch gegen Araber und Muslime. Die Mörder waren überzeugt, dass es keine Sprache mehr zwischen ihnen und irgendjemand anderem gibt. Zwischen ihnen und der Welt ist nur noch das apokalyptische Inferno, das alle erschüttert.

Was in New York und Washington stattgefunden hat, erscheint als Verwirklichung ungeheuerlicher Vorstellungen, wie wir sie aus amerikanischen Filmen kennen, Vorstellungen von einem globalen Verbrechen und der Fähigkeit Einzelner, die Welt zu bedrohen. Es ist anzunehmen, dass die Mörder, gleichgültig, wer sie waren, vorhatten, in einem unvergesslichen Spektakel das Ende der Welt zu verkünden. Die Selbstmörder waren diesmal - unabhängig von ihren ideologischen Gründen - nichts weiter als Selbstmörder, egal wie sie ihren Selbstmord ideologisch definieren. Zweifelsohne haben sie ihren eigenen Tod zum Maßstab gemacht. Ihr Tod wurde zum allgemeinen und absoluten Tod. Die mit ihnen im Flugzeug saßen, waren ihnen gleichgültig, ob Bekannte oder Fremde. Der apokalyptische Tod war das Ziel. Der Tod und das katastrophale Ende der Welt. Wichtig war, dass der Selbstmord mit dem kollektiven Sterben verbunden wurde. Die Umwandlung des eigenen Todes in ein Massensterben oder umgekehrt das Hineinreißen der gesamten Welt in das eigene Grab.

Von Melancholie zur Psychose

Viele sind der Ansicht, dass Probleme in ihrer maximalen Spannung und Unlösbarkeit nur zu solchen Ergebnissen führen können. Für viele bedeutet die Globalisierung nichts anderes als die endgültige Vertreibung, die Besetzung noch der letzten Peripherie. Jeder unerreichbare wissenschaftliche und technische Fortschritt bedeutet, außerhalb des Lebens zu bleiben. Für viele ist die Welt heute ein Planet der Vertreibung. Sie stellen den eigenen Tod mit dem Tod der ganzen Welt gleich und verkünden dies in einem öffentlichen Selbstmord. Einem globalen Selbstmord.

Wenn kleine Gruppen und Sekten in Melancholie fallen oder wenn sich die Melancholie in eine kollekive Psychose verwandelt, dann besteht Gefahr. Diese Gefahr ist besonders eminent, wenn die Melancholie über die Eigenschaft verfügt, den Anderen bis zum Tode in das eigene Ich aufsaugen zu wollen, wie es in den jüngsten Ereignissen zu beobachten war, nämlich in der Form des Selbstmordes. Das Töten des Selbst und des Anderen werden zusammen und in einer Tat vollzogen. Damit steht die Geschichte selbst kurz vor dem Tode. Tod des Selbst und des Feindes. Tod des Ich und des Anderen. Die Fragen an das Selbst verwandeln sich in Tod - ohne Zukunft und weitere Ziele. Heißt das, dass wir an den Nullpunkt gelangt sind, an dem Gruppen und Minderheiten den Eindruck gewinnen, sie wären endgültig ohne Welt und ohne Zukunft und alles, was sie besitzen, wäre der eigene Tod, den sie als Bombe zur Vernichtung der Welt benutzen?

Natürlich ist es nicht das verbrecherische Vorstellungsvermögen, das die Filmemacher veranlasste, sich die Zerstörung New Yorks vor allem durch Einzelne an den Schaltstellen der Macht zu denken. Nein, es ist nicht das verbrecherische Vorstellungsvermögen, sondern der verfrühte Zweifel an den Möglichkeiten des Machtmonopols, an der Kontrolle über dasselbe sowie daran, dieses Machtmonopol von den Einzelnen fernhalten zu können. Es wird sicherlich viel über Sicherheitslücken gesprochen, aber eine solche Tat ist jederzeit wiederholbar. Der Machtwahnsinn kann Einzelnen und Gruppen nicht für immer vorenthalten werden. Und vielleicht ist die Zeit nahe, in der es Einzelnen und Gruppen möglich sein wird, über Atombomben zu verfügen.

Die Täter haben an niemanden eine Botschaft gerichtet, weil es zwischen ihnen und der Welt keine Sprache gibt. Aber ihre Antwort war nicht auf dem Niveau dieser Einsicht. Die nationale Wunde Amerikas ist keine passende Antwort. Nehmen wir an, in der Sprache der internationalen Presse, die Mörder meinten mit dem World Trade Center und dem Pentagon die Symbole der amerikanischen Macht. Dann ist es unverständlich, dass im Folgenden lediglich von dem Leiden der amerikanischen Macht und ihrer Bedrohung die Rede ist. Es ist nicht nachvollziehbar, dass der amerikanische Patriotismus einen Anschlag solchen Ausmaßes auf sich allein bezieht. Die erschütterte, in Angst und Panik geratene Welt eilte natürlich nicht, die amerikanische Macht zu verteidigen. Was uns aber in diesem Zusammenhang berührte, waren die Hunderte von Passagieren, die zu einer lebendigen Bombe wurden. Was uns berührte, waren die Tausende von Menschen, die in einem kurzen Augenblick zermalmt wurden. Was uns berührte, waren die Stunden, in denen der Tod die Macht über die Welt hatte, war die Umwandlung der Finanz- und Militärmacht in von Angst befallene, erniedrigte Individuen. Was uns berührte, war die Ebene, die diese Auseinandersetzung erreichte, nämlich Selbstmord und Mord. Und dass die Welt zu einem Planeten der Affen wurde. Was uns berührte, war, die Amerikaner als Menschen, Brüder und Schwestern und Individuen zu entdecken und nicht als "Machtsymbole".