I Um zehn Uhr morgens an einem milden, wolkenlosen Dienstag überschnitten sich in Washington zwei Zeitalter. Gerade erst vor einer Stunde waren zwei entführte Flugzeuge ins World Trade Center gerast. Und nur ein paar Minuten zuvor hatte ein weiteres Flugzeug einen Teil des Pentagons zerstört. Ein Teil der Passanten auf den Straßen war noch ahnungslos. Sie verabredeten sich zum Mittagessen, sie unterhielten sich über die neuesten Videos. Die anderen gingen still ihrer Wege, verkrampft und schnell, doch ohne Richtung. Wo sich die Blicke von zwei dieser Menschen trafen, wussten beide sofort, dass beide wussten.

Die sorglosen Flaneure lebten noch, ein paar glückliche Minuten lang, in der Ära amerikanischer Unschuld. Wir anderen waren widerwillige Pioniere eines neuen Zeitalters. Seit 1814, als die Briten Washington niederbrannten, haben es die Vereinigten Staaten nicht mehr mit einem äußeren Feind im eigenen Land zu tun gehabt. Seit jener Zeit glauben die Amerikaner, sie lebten abseits des Grauens der Welt - abseits der Bomben in Irland und Israel, der Kriege auf dem Balkan, der Kulturkämpfe in der islamischen Welt, abseits der Gewalt und Verelendung in Afrika. Es ist unser nationaler Mythos, dass wir zwar zuweilen ausziehen, um die Welt zu retten, dann aber unsere Türen wieder schließen. Doch immer erschien uns unser riesiges, reiches Land völlig sicher zwischen seinen Ozeanen und friedlichen Nachbarn. Dieser Glaube ist jetzt nicht mehr möglich.

II Die Frage ist, was die Amerikaner nach dem Ende ihrer Unschuld tun werden. Die Angriffe auf New York und Washington waren Kriegshandlungen - nicht gegen Amerika, sondern gegen unsere Zivilisation. Die zentrale Erfahrung der Zivilisation, wie wir sie in der modernen Welt verstehen, ist die kostbare Verbindung von Freiheit und Sicherheit, das Vertrauen darauf, dass wir uns frei bewegen, dass wir Güter, Kultur und Ideen teilen können. Und dass wir uns anderen Menschen so leidenschaftslos oder so intim zuwenden können, wie wir selbst und sie es wünschen - in der Gewissheit, dass nichts das komplexe Netz unserer Handlungen zerstören wird.

Der Angriff auf Amerika hat dieses Vertrauen erschüttert. Er kam überraschend, er wurde mit zivilen Flugzeugen ausgeführt, und er zielte auf die Vernichtung von Menschen in ihrem alltäglichen Leben. Das ist das Wesen des Terrorismus. Nicht dass er von Menschen ausgeübt wird, die sich keine Kampfflugzeuge leisten können, zeichnet ihn aus, sondern dass er die Zivilisation zerstört. Terrorismus ist der Versuch, zivilisiertes Leben unmöglich zu machen, indem er den Menschen die Sicherheit nimmt, sie könnten eine Straße entlang gehen, ohne um ihr Leben zu fürchten. Wenn der Terrorismus einen Belagerungskoller auslöst, hat das Grauen gesiegt. In diesem Sinne steht der Angriff auf Amerika für eine Schlacht zwischen Zivilisation und Barbarei.

Die böse Ironie dieser Schlacht liegt darin, dass die Zivilisation sie nur dann verlieren wird, wenn sie selbst in die Barbarei zurückfällt. Schon früher ist Amerika von fremdenfeindlichen Wellen heimgesucht worden. Diesmal haben die Vereinigten Staaten ihre beste und ihre schlimmste Seite zugleich gezeigt. Bei einem Gottesdienst in der Nationalkathedrale sprach ein muslimischer Geistlicher das erste Gebet. Fernsehmoderatoren und Politiker beschwören die Bürger, ihre Wut nicht an Muslimen auszulassen. Noch hält die Mauer stand, doch der Druck ist groß. Etliche Anschläge auf Läden und Häuser von Amerikanern orientalischer Herkunft wurden gemeldet. Anrufbeantworter von Moscheen und islamischen Gemeindezentren sind randvoll mit Beleidigungen. Weil die meisten Amerikaner über die Einwanderer in ihrem Land wenig wissen, werden auch Sikhs und Hindus bedroht.

Das sind Reaktionen trotziger Unbefangenheit. In ihnen kommt die Vorstellung zum Ausdruck, alles sei gut gewesen, bis die jüngste Gruppe von Einwanderern ins Land kam. Dass alle Amerikaner loyal seien - bis auf ein paar Abweichler. Und dass, wenn wir nur gut genug ausmisten, unsere Unschuld zurückkehren werde. Doch dieser Impuls ist der gefährlichste überhaupt. Zwar hat Colin Powell versichert, der Angriff auf Amerika werde "das Wesen unserer Gesellschaft" nicht verändern. Doch schon hat der Justizminister größere Vollmachten zur Beobachtung amerikanischer Bürger und in Amerika ansässiger Ausländer gefordert. Der Vizepräsident hat angekündigt, der Feldzug gegen den Terrorismus werde "im Schatten" stattfinden - durch die Liquidierung von Terroristen, zur Not in Kooperation mit Kriminellen oder gar mit konkurrierenden Terrorgruppen.

Die Forderung des Justizministers ist legitim, weil die bestehende Gesetzeslage angesichts gewachsener Mobilität und der Verbreitung von Mobiltelefonen nicht mehr angemessen ist. Selbst die vom Vizepräsidenten angedeuteten Methoden mögen nötig sein. Aber in einer Zeit, da sich die Amerikaner um ihre Regierung scharen, sollten wir uns erinnern, dass solche Maßnahmen bisher verboten waren, weil sie gefährlich sind. Sie verleihen Beamten und Agenten Macht ohne demokratische Rechenschaft. Der angemessene Ausgleich zwischen Freiheit und Sicherheit ist dann besonders schwierig, wenn es gerade die integralen Bestandteile der offenen Gesellschaft Amerikas wie seine frei zugänglichen Kommunikationsmittel und seine funktionierende Wirtschaft sind, die sich der Feind zunutze macht. So entsteht die Gefahr, dass die Freiheit selbst als Feind ausgemacht wird. Und wo man der Regierung die Macht einräumt, die Freiheit zu beschneiden, lässt sich diese Macht nur mühsam wieder bezähmen.