Unmöglich, unerklärlich, unvorstellbar - das Vokabular des Entsetzens klang rund um den Globus gleich, als das World Trade Center einstürzte und das Pentagon brannte. In der allgemeinen Erregung ging völlig unter, dass die Zunft der Strategen seit Jahren - nun: vielleicht nicht dieses spezielle Schreckensszenario, aber doch ganz ähnlich gelagerte Eventualfälle durchgespielt hat. Wir hätten gewarnt sein können.

Auch der Begriff der "asymmetrischen Bedrohung" ist nicht neu. Er bezeichnet unkonventionelle Ansätze, Anschläge oder Angriffe, bei denen der Schwächere die Schwachstellen des Stärkeren ausnützt. "Asymmetrische Bedrohungen stellen die wichtigste sicherheitspolitische Herausforderung des 21. Jahrhunderts dar", argumentierte das Pentagon schon 1997, ähnlich die britische Strategic Defence Review 1998. Und 1999 konstatierte die U.S. Commission on National Security/21st Century: "Wir sollten Konflikte erwarten, in denen die Gegner ... zu Formen und Pegeln von Gewalt ihre Zuflucht nehmen, die unsere Empfindungen schockieren." Die gefährlichste Aussicht: dass Terroristen Amerikas Städte mit Massenvernichtungswaffen attackieren. Die Vereinigten Staaten müssten davon ausgehen, dass sie zur Zielscheibe von "catastrophic terrorism" würden. "Wahrscheinlich werden Amerikaner auf amerikanischem Boden sterben, möglicherweise in großer Anzahl."

Auch die deutsche Kommission Gemeinsame Sicherheit und Zukunft der Bundeswehr - Vorsitzender: Richard von Weizsäcker - griff das Thema Terrorismus auf. In einer wenig beachteten Passage ihres am 23. Mai 2000 veröffentlichten Berichts heißt es:

"Völkerrechtlichen Verboten zum Trotz werden chemische und biologische Waffen entwickelt und produziert. Nicht nur Staaten, auch terroristische Gruppen können in den Besitz hochzerstörerischer Waffen gelangen. Überdies sind Altbestände, wie die 40 000 Tonnen chemischer Kampfstoffe in Russland, noch eine Gefahr: Sie können in falsche Hände geraten. Biologische und chemische Waffen stellen eine Gefahr nicht nur für Streitkräfte im Einsatz außerhalb des Bündnisgebiets dar. Sie bilden eine Bedrohung auch für die zivile Bevölkerung auf dem eigenen Staatsgebiet. Nüchterne Überlegung legt den Schluss nahe, dass Terroristen im Allgemeinen Regierungen unter Druck setzen wollen; dafür brauchen sie ängstliche Zuschauer, nicht ungezählte Tote. Es ist jedoch kein Verlass darauf, dass alle Terroristen sich dieser Logik beugen."

Die Kommission Gemeinsame Sicherheit - der ich als stellvertretender Vorsitzender angehörte - hat die Bedrohung durch Terrorismus ausführlich diskutiert. Es war ihr klar: Der technische Fortschritt erlaubt die Herstellung verheerender, schwer zu entdeckender Massenvernichtungswaffen. Nuklearterrorismus nichtstaatlicher Akteure ist eine Gefahr, der Einsatz von chemischen und vor allen Dingen biologischen Kampfstoffen durch subnationale Gruppen eine andere. In den Händen politischer Extremisten oder religiöser Fanatiker, staatlich gesteuerter Terroristen oder einzelner Bürgerkriegsparteien können solche Waffen örtlich oder regional begrenzte, aber auch weltumspannende Katastrophen auslösen.

Ein Gramm tötet Millionen

Bei den chemischen Waffen geht es um rund 50 Substanzen, von denen die meisten auch harmlose zivile Verwendungen finden. Zwar haben bislang 143 Staaten das Abkommen unterzeichnet, das Chemiewaffen verbietet, doch sträuben sich viele andere noch immer dagegen. Russland verfügt weiterhin über große Bestände von C-Waffen. Syrien und Libyen arbeiten offenbar daran. Der Irak besaß ein umfängliches Arsenal, das es ohne Kontrollregime rasch wieder auffüllen könnte.