In ein paar Jahren werden die Vereinigten Staaten den Schock ihrer tiefsten Demütigung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verwunden haben, und die Hinterbliebenen der Opfer können vielleicht mit ihrem Schmerz leben. Dann wird der Terrorangriff auf New York den Grund für eine weitere eindrucksvolle Erneuerung des amerikanischen Selbstbewusstseins bereiten. Das innere Stärkegefühl der USA ist am Wechsel von nationaler Mythenbildung und Mythenzerstörung abzulesen. Das 60 Jahre alte sicherheitspolitische Versprechen der Unverletzbarkeit der amerikanischen Staatsbürger im eigenen Land hat getrogen. Also greift dieses Trauma tief.

Dass Symbole in diesem Land mehr gelten und die Seelen stärker beschäftigen als anderswo, ist vom antiamerikanischen Ressentiment oft genug ins Lächerliche gezogen worden. Tatsächlich müssen Symbolen dort eine höhere Bedeutung zukommen, wo nicht der Staat in erster Linie die moralische raison d'être der Nation verkörpert, sondern die Gesellschaft. Eine öffentlich anerkannte Ethik - civic ideals -, vermittelt durch eine Vielzahl bürgergesellschaftlicher Organisationen, muss sich augenfällig manifestieren, wenn sie eine heterogene und individualistische Gesellschaft integrieren will. Aus diesem Grund war der Anschlag auch als ein Theater der öffentlichen Demütigung aufgeführt worden, in kühler Berechnung die mediale Logik für sich nutzend. Die Zerstörung der WTC-Türme live im Frühfernsehen vor den Augen der Welt nahm sich wie ein Akt gewaltsamer Penetration aus. Ihre Objekte: zwei makellose stereometrische Körper der westlichen Moderne, öffentlich geschändet unter Verwendung von US-Flugzeugen. Die Zerstörung kam aus der Luft - wie der Zorn eines obszönen Gottes.

In New York sollte die zivile westliche Welt zu Boden sinken mit all ihren vertrauten Attributen: als kapitalistische, konsumversessene, ungläubige, ehrlose und so fort. Der Anschlag traf die Gesellschaft ins Mark, weniger den Staat, der handlungsfähig blieb, auch wenn sein Sicherheitsapparat versagte. Der Anschlag galt Menschen und ihren Überzeugungen, den Lebensformen und den öffentlichen Räumen, in denen die zivile Ethikder westlichen Welt Anerkennung findet. Das ist neu: Der Terror richtet sich nicht gegen ein Imperium, sondern gegen ein Wertesystem, nicht gegen das neue Rom, sondern gegen das neue Babylon, und zwar in tödlicher Feindschaft. Jedes Geltenlassen eines Anderen ist darin verweigert. Mit diesem Selbstmordattentat stößt die westliche Moral der Selbsterhaltung an ihre absolute Grenze.

Darauf ist vorderhand nicht zu antworten, jedenfalls nicht angemessen. Gesellschaften können nicht wie Staaten "zurückschlagen". Die Gesellschaften des Westens vermögen einen Auslöschungsversuch nur zu parieren, indem sie ihr Leben fortführen und damit Beharrungswillen signalisieren, anders nicht. Das Dementi des zivilisatorischen Modells des Westens - mit seinem friedfertigen Inklusionswillen, seinem austarierten Pluralismus, dem Faible für Mischkulturen und seinem historisch geschärften Sinn für die legitime Andersheit Fremder - ist schlechterdings nicht mit einem weiteren Dementi zu überbieten. Es sei denn um den Preis des eigenen Zerfalls.

Der unsichtbare Feind

Diese Beißhemmung ist Ergebnis einer langen und schmerzlichen Zivilisationsgeschichte. Es ist das Resultat von grausamen Kriegen im 20. Jahrhundert, von Genoziden und Vertreibungen. Der Verzicht des Westens auf Ideologien der (rassischen, kulturellen oder politischen) "Reinheit" schließt das Existenzrecht anderer und das eigene ein. Wo nun dieses Menschenrecht als Ausfluss des Bösen ausgelöscht werden soll, droht jede Reaktion einen selbstzerstörerischen Effekt hervorzurufen. Sobald der Westen in einem unlösbaren Wertkonflikt einen Feind ausmacht und ihn negiert, ist er nicht mehr der "Westen". Genau darauf zielt der Terror: Der Westen soll gezwungen werden, zuzugeben, dass sein Werteuniversalismus in Wahrheit ein begrenzter und interessengeleiteter ist. Sich dagegen zu wehren heißt, sich in der Tat auf einen neuartigen Konflikt einzulassen. Angst führt zur inneren Schließung offener Gesellschaften, und der Zweck des Terrors ist nichts anderes als Erzeugung von Angst. Aber wie sieht die äußere Reaktion auf den Terror der Angst aus?

Sich in dieser Situation zur Metapher vom "Kampf der Zivilisationen" zu flüchten ist Ausdruck von Ratlosigkeit. Denn es steht ja nicht der Westen gegen den Islam, hier tobt kein schicksalhafter Kulturkampf nach dem Ende politisch-ökonomischer Konkurrenzen. Der Konflikt ist asymmetrisch. Der Terror hat sich unkenntlich gemacht, ist eigentümlich subjektlos, postmodern. Bin Ladens Al-Qaida ist ein anonymes Netzwerk, in der islamischen Welt dichter, in westlichen Nationen lockerer geknüpft, kaum lokalisierbar und kaum ausrechenbar, was Hintermänner, finanzielle Ressourcen und Loyalitäten anlangt, mit zeitgemäßer Technik operierend, nicht gerade pueriler High-Tech-Fantasie entsprungen, aber doch das klassische Terroristenhandwerk beherrschend.