Es ist hoffentlich nicht nötig, eigens zu betonen, dass wir dieses Entsetzen und diesen Abscheu teilen. Trotzdem lohnt es, darauf zu verweisen (die Hüter der Political Correctness mögen mir verzeihen und ihre Guillotine wenigsten für den Moment der Lektüre anhalten), dass Stockhausens Äußerung nicht nur abscheulich, sondern auch höchst aufschlussreich ist. Was sie aufschließt oder worauf sie zumindest den Blick lenken sollte, ist die überhaupt höchst dubiose Privatmythologie Stockhausens, die Hintergrund und oft auch Text seines allseits geschätzten Werkes bildet. Die tapfere Hamburger Kultursenatorin Christina Weiss, die nach Stockhausens fataler Rede seine beiden Konzerte absagte, hat gleichwohl redlicherweise darauf verwiesen, dass sich alles aus dieser Privatmythologie gut erklären lässt. Da gibt es zum Beispiel einen Luzifer, und irgendwie als eine luziferische Großtat, etwas Böses und Blendendes, wollte Stockhausen auch das Attentat einsortieren, mit etwas neidvollen Seitenblick auf den Publikumseffekt, den Kunst leider nicht so ohne weiteres erreicht.

Mit diesem Einsortieren ist jedoch Stockhausens Bemerkung nicht engiftet. Vielmehr steckt auch in seiner Mythologie viel Gift und schwer Akzeptables, nur dass sich die Musikwelt darauf geeinigt hat, Kompositionen und Mythologie zu trennen, das eine zu loben und von dem anderen zu schweigen, ähnlich wie es mit Wagner geschieht, dessen Antisemitismus zwar nicht verschwiegen, aber doch sorgfältig vom Werk getrennt wird. Interessanterweise hat Nietzsche, Wagners früher Bewunderer und späterer Kritiker, kurz bevor er völlig verrückt wurde, daraufhingewiesen, dass man den Antisemtismus nicht so leicht aus den Opern herausbekommt; er hat übrigens auch gesagt "Ich lasse eben alle Antisemiten erschießen."

Aber täuschen wir uns nicht: Die Trennung von Werk und Weltanschauung, von Praxis und Theorie wird ständig und nicht nur in der Kunst, sondern bis in unseren Alltag geübt. Denken wir nur an die Waldorf-Schulen und Waldorf-Kindergärten, die gerne gelobt und mit Kindern beschickt wird, ohne dass die Eltern auch nur einen Gedanken an die rassistischen und kryptofaschistischen Theorien Rudolf Steiners verschwenden, auf dem die ganze Anthroposophie beruht. Die Antroposophen überhaupt haben sich weitgehend von Steiner emanzipiert und nur manchmal schimmert etwas von seinem dubiosen Gedankengut durch, wenn die Kinder aus der Waldorf-Schule heimkommen und etwas über den Unterschied von angewachsenen und freien Ohrläppchen faseln, an dem man erkennen könne, ob jemand eine alte und edle (vielfach wiedergeborene) Seele habe oder eine rohe und primitive (wo das Ohrläppchen noch angewachsen ist).

Kurzum, wir alle haben geübt, das eine, was wir gerne haben, von dem anderen, das wir nicht mögen, zu trennen, auch wenn es den Ursprung und Hintergrund bildet. Deshalb auch war die Äußerung Stockhausens so schockierend, weil sie diese Trennung mit einem Ruck aufgehoben und gezeigt hat, was wir alle mitschlucken, wenn wir Stockhausen (zum Beispiel) hochschätzen. Und wir schlucken noch mehr. Denn Stockhausen ist ein treuer Nachzügler der klassischen Moderne, zu der von Anbeginn an eine Nachtseite gehörte, jene romantische Fasziniertheit von den ästhetischen Effekten der Gewalt, auf die wir (wenn Sie die Rechthaberei verzeihen) schon in der letzte Woche hingeweisen haben; prophetisch, wie ich finde. Es gibt den klassischen Zusammenhang von "Surrealismus und Terror" (Karl Heinz Bohrer); Breton schrieb im Manifest des Surrealismus: "Die einfachste surrealistische Handlung besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings so viel wie möglich in die Menge zu schießen."

Aber die Spur führt noch weiter zurück bis zu Baudelaire, der von der französischen Februarrevolution so animiert war, dass er sich selbst eine kleine Jagdflinte schnappte und damit auf die Straße ging, um das Revolutionsgefühl besser nachvollziehen und auskosten zu können; um das politische Ziel ging es ihm nicht, das Volk hat er verachtet. Und umgekehrt führt die Spur über Bunuel bis weit in die Gegenwart. Der Schock ist noch immer ein geschätztes Mittel der Avantgarde, und deshalb hat Stockhausen in seinem grässlichen Sermon auch gesagt: "Was da geistig geschehen ist, dieser Sprung aus der Sicherheit, aus dem Selbstverständlichen, aus dem Leben, das passiert ja manchmal auch poco à poco in der Kunst. Oder sie ist nichts."

Oder sie ist nichts: Das ist das Glaubensbekenntnis der Moderne. Die Moderne hat aber auch gelehrt (das ist ein zweites ihrer Zentralmotive), Kunst und Leben nicht zu verwechseln. Darin, dass Stockhausen sie verwechselte oder eine solche Verwechslung nahelegte, liegt das eigentlich Skandalöse und Dumme seiner Äußerung.