Terror gegen die USA. Auch wenn man über Popkultur redet, spielt er eine Rolle. Ursula Keller fragt, ob dieser "Einbruch des Realen" ein Defizit bei Inhalten und Sprache der Popliteratur aufdeckt, die in der breiten Öffentlichkeit als die neue deutsche Literatur an sich wahrgenommen wird. Kann Popliteratur überhaupt als Ganzes besprochen und beurteilt werden? Gibt es die Popliteratur überhaupt? Gibt es die Spaßgesellschaft? Oder die Generation Golf? Wer die Existenz der Spaßgesellschaft anerkennt, sieht sie jetzt vielleicht als beendet. Wer durch die Ereignisse in den USA einen Einbruch des Realen erlebt, ändert jetzt vielleicht seine Weltanschauung. Aber ist das Reale wirklich jetzt erst plötzlich eingebrochen? Und sind die popliterarischen Werke oberflächlich, einfach und zynisch affirmativ angesichts der Nöte in der Welt? Oder thematisieren sie selber die unbefriedigende Oberflächlichkeit der westlichen Gesellschaft und formulieren eine Sehnsucht nach einem Ausweg? Zynisch klingt jedenfalls die Annahme, dass der Mensch in der westlichen Gesellschaft Terror- und Kriegsmeldungen für eine wesentliche Empfindung braucht.

Die gemeinsamen Merkmale der unter dem Label Popliteratur vermarkteten Texte sind einfache Sprache und biographisch anmutende Texte, was nicht auf ihre Qualität oder Konformität schließen lässt. Kann man überhaupt eine Marke unter literarischen Gesichtspunkten besichtigen? Mutmaßungen: Der Erfolg der Marke Popliteratur wurde durch eine diffuse Verschwörung von Autoren, Literaturagenten, Verlagen und Feuilletonisten geschaffen, um die Werke von unbekannten deutschen Autoren zu vermarkten, als die Lizenzen für amerikanische Autoren in den neunziger Jahren immer teurer wurden. Das hieße, dass die Leser dumm sind, dass sie alles lesen, was ihnen nur intensiv genug durch Werbung und Promotion eingehämmert wird. Ganz so einfach scheint es aber bei der sogenannten Popliteratur nicht zu sein. Anzunehmen ist schon, dass die Leser sie lesen wollen und einen Hinweis darauf, dass dieses Lesepublikum besonders stupide ist, gibt es nicht. Das Label hat die Aussichten auf Veröffentlichung und Bekanntheit junger deutscher Autoren erheblich verbessert. Aufmerksamkeit war bislang garaniert, wenn ein junger Schriftsteller sich in Szene setzte. Und wenn die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird, muss sie auch interpretiert werden. Popliteratur ist ein Etikett, das einen Marketingerfolg erzielt hat, die gemeinten Werke und ihre Autoren sind einzigartig und einzeln zu betrachten.

Zum Beispiel "Faserland" von Christian Kracht: einer der erfolgreichsten Titel der neuen deutschen Literatur, über dessen Interpretation die Diskussionsteilnehmer uneins waren: "Bescheiden, schüchtern, erste Gehversuche und dabei altbacken" (Klein). "Wichtiges Buch über den Wandel der Gesellschaft in den neunziger Jahre hin zu Markenverehrung und Bildermacht; Kracht beschreibt die Welt, in der wir leben, von innen, und sie erscheint ihm schal, er formuliert eine verklärte Sehnsucht nach Wirklichkeit" (Diez). "Einfach und anspruchslos; ein Typ, der im Drogenrausch durch Deutschland fährt und naive Gedanken hat" (Ernst). "Attacke gegen den verhassten Gutmensch, den fiesen moralisierenden SPD-Typ; durch Marken wird Distanz und Rückzug ins Private geschaffen, das ganze Buch transportiert eine neokonservative Haltung" (Terkessidis). Die Uneinigkeit zeigt, wie individuell nicht nur Schreiben, sondern auch Lesen und Verstehen sind und dass dieses Werk durchaus vielfältige Perspektiven öffnet.

Von nun an stellen je zwei junge Autoren ihre Werke zur Dikussion, ein popliterarisches Werk und ein als anspruchsvoll bewertetes. Das bietet dem Literaturinteressierten eine Möglichkeit, die gegenübergestellten Ausdruckskonzepte zu vergleichen und die Autoren selber zu fragen, wie sie sich sehen und verstanden werden wollen.

Die nächste Veranstaltung der Reihe ist am Dienstag, 23. Oktober, im Literaturhaus Hamburg. Es lesen die Autorinnen : Jenny Erpenbeck und Tanja Dückers. Aktuelle Informationen gibt es hier: class="leit-sub">Literaturhaus Hamburg