Seit den Terroranschlägen in New York und Washington ist die American Academy, ähnlich wie die Berliner Botschaft der USA, zu einer Anlaufstelle für Menschen geworden, die ihr Beileid bekunden wollen, Blumen bringen und Kerzen anzünden, was sehr bewegend ist. Und auch für die Medien, die nach einem deutschen Blickwinkel auf die Ereignisse suchen. So sind seit Tagen unsere Leitungen besetzt, die Sicherheitsmaßnahmen sind verschärft worden - im Moment kreist gerade ein Hubschrauber über mir. Durch die aktuellen Ereignisse ist unsere Rolle für manche noch deutlicher geworden: Einerseits sind wir ein akademisches Zentrum, das amerikanischen Wissenschaftlern die Möglichkeit gibt, eine Zeit lang in Berlin zu forschen. Andererseits aber auch ein Podium für unsere Fellows, über das ihre Ideen Zugang zur Öffentlichkeit hier in Deutschland finden. Wie wichtig beides ist, erleben wir derzeit sehr deutlich. Am Abend der Katastrophe hatten wir eine Diskussion geplant zwischen Susan Sontag und György Konrad. Eigentlich wollten wir es kurzfristig absagen, aber beide waren dagegen. Nun werden wir auch in den nächsten Wochen unser Programm fortsetzen, auch wenn alles natürlich von der akuten Krisensituation beeinflusst ist. Am DONNERSTAG werden mich die Vorbereitungen auf ein großes Ereignis beschäftigen: Der neue US-Botschafter wird in wenigen Wochen seine erste Grundsatzrede halten, in Zusammenarbeit mit der Academy. Außerdem werde ich mit meinen Mitarbeitern die nächste Ausgabe unserer Zeitschrift planen. Die Themen darin werden auch das aktuelle Geschehen reflektieren müssen. Nachmittags findet ein Gespräch mit dem neuen Berlin-Korrespondenten der New York Times statt. Am Abend wird es ein Dinner geben mit Nathan Glazer, einem der herausragenden Intellektuellen der USA.

Am FREITAG verschicken wir die aktuelle Ausgabe unseres Newsletters an 500 amerikanische Multiplikatoren. Wir sind eine vollkommen privat finanzierte Einrichtung, und natürlich geht es auch immer darum, mögliche Sponsoren und Anzeigenkunden auf uns aufmerksam zu machen. Ich werde Jane Kramer treffen, Europa-Korrespondentin des New Yorkers, die an einem Buch über Opern in Deutschland arbeitet und im Winter bei uns sein wird . Am Abend will ich dann noch bei der Eröffnung einer Sigmar-Polke-Ausstellung vorbeischauen. Am SAMSTAG feiert mein Schwiegervater nachträglich seinen 75. Geburtstag, am Rande Berlins. Da er auch jahrelang politisch und diplomatisch gewirkt hat, wird auch das nicht rein privat sein. Bundespräsident Rau wird da sein. Den SONNTAG habe ich komplett für meine Familie reserviert, vermutlich werden wir Tennis spielen. Am MONTAG findet nachmittags unser Seminar statt, in dem wir jede Woche über das Projekt einer unserer Gäste diskutieren. Tagsüber ist bei uns eine Vorstandssitzung des Deutschen Sparkassenverbandes, einem unserer ersten und größten Förderer. Am DIENSTAG findet mein erster offizieller Besuch beim neuen amerikanischen Botschafter statt. Danach treffe ich Daniel Boyarin, einen der führenden Judaisten in den USA. Er ist orthodoxer Jude, gleichzeitig Antizionist, und erforscht die gemeinsamen Ursprünge von Christen- und Judentum. Am Abend wird der Ökonom Richard Freeman einen Vortrag halten. Er hat unter anderem die Unterschiede zwischen deutscher und amerikanischer Produktivität untersucht: Deutsche Frauen arbeiten länger im Haushalt, dafür essen Amerikaner schneller, am liebsten im Laufschritt. Eine seiner Thesen ist, dass Produktivität und Arbeitslosigkeit viel weniger eng zusammenhängen, als immer angenommen wird. Am MITTWOCH werde ich, wie jeden Werktag, versuchen, meinen Sohn um 7.15 Uhr in die Schule zu fahren. Und noch vor der Arbeit ins Fitnessstudio zu gehen. Mit dem Sport habe ich erst dieses Jahr angefangen - immerhin bin ich schon 47. Und es ist schon eine richtige Sucht geworden! Ich werde mit einem Sponsor zu Mittag essen und am Nachmittag Richard von Weizsäcker besuchen, er ist Ehrenvorsitzender unseres Kuratoriums. Ich werde ihn auch zu seinem neuen Buch befragen, das demnächst erscheinen wird: über die Stunde Null. Das Thema passt leider, auf ganz unerwartete Weise, zur aktuellen Stimmung.

AUFGEZEICHNET VON JÜRGEN VON RUTENBERG