Alexis hat es seiner Haare wegen ein bisschen eilig. Mit diesen langen Locken "halten die Leute mich womöglich für einen Marokkaner", deshalb will er nachher unbedingt noch zum Friseur. Nicht dass Alexis etwas gegen Araber hätte. Er trägt seine Haare sozusagen vorsichtshalber lieber kurz: Damit bloß niemand auf die Idee kommt, er könnte ein Fremder sein. Hastig nippt er an seiner Cola in dem kleinen Neoncafé mit roten Plastikstühlen, das gleich neben seinem Zuhause liegt.

Alexis ist im August 1989 in Paris geboren, im eher ärmlichen 20.

Arrondissement. Sein Vater ist ein schwarzer Franzose aus Guadeloupe, von dem er wenig hat außer den Locken und der Hautfarbe. Wann er ihn zuletzt gesehen hat, daran kann sich Alexis kaum erinnern. Die Eltern haben sich getrennt, als er sechs Jahre alt war und die kleine Schwester zwei. Mit den Antillen will er jedenfalls nichts zu tun haben, nicht einmal mit der Musik: "Ich höre kein Karibikradio!" Er mag lieber Rap und HipHop. Und Nachrichten. Stets ist er aktuell informiert: worum es im Nahen Osten geht, wie die wichtigen Regierungschefs heißen, worüber die französischen Parteien bei ihren Spätsommertreffen konferieren.

Wenn er erwachsen ist, "so mit 27 Jahren", will Alexis mal eine Weile im Ausland leben. Nicht so lange wie sein bester Freund, der gleich für mehrere Jahre in die USA gehen und bestimmt auch eine Amerikanerin heiraten will, weil er dann die doppelte Staatsangehörigkeit bekommt. Alexis hat schon genügend Identitäten zur Wahl. Aber er ist neugierig. Gibt sich weltoffen.

Will im Leben Erfolg haben. Englisch lernt er bereits.

In der Schule hat er in der dritten Klasse mit Deutsch angefangen. "Die Sprache hat mir aber nicht gefallen. Zu viel ch-ch." Lieber würde er Japanisch lernen. "Oder Russisch." Seit Tagen berät er sich zudem mit einem anderen Schulfreund, ob er sich doch noch für den Lateinkurs anmelden soll.

Warum Latein? Er zuckt mit den Achseln. Der Reflex eines verinnerlichten Bildungskanons kann es kaum sein: Alexis' Mutter ist Textilfärberin in der Fabrik, die Tochter einer bretonischen Bäuerin und eines slowenischen Automechanikers. Nach dem Friseurbesuch wird ihr Sohn, der sich selbst zu helfen gelernt hat, die Mutter seines Freundes um Rat fragen. Sie hat einen Literaturverlag und kann ihm bestimmt die richtige Antwort geben.