Wie viele von uns / versinken in Adern aus Fels / versteinern dort wie Farne / Fossilien blutüberströmt." Diese Worte vertonte Luigi Nono vor 40 Jahren, sein Librettist schrieb sie nach einem Bergwerksunglück in Belgien, aber beschreiben sie nicht auch Opfer unter Trümmern in New York? Wir können derzeit kein Wort lesen und keinen Ton hören, ohne das aufs Geschehen dieser Tage zu beziehen.

Die Kunst wird jetzt an der Realität geprüft, obwohl sie doch selbst zu ihr zählt. Es ist eine Herausforderung, in der die Bitte um Hilfe steckt. Aber wie kann eine Opernpremiere helfen, und sei sie noch so fern von narkotisierender Kulinarik? Was soll uns jetzt ein kommunistisches Polittheater von 1960 um einen Gastarbeiter, der faschistischen Terror und kapitalistische Katastrophen erlebt?

Wäre Luigi Nonos Intolleranza wirklich auf diese Begriffe zu reduzieren, das Werk hätte schwerlich eine immer dichter werdende Reihe von Inszenierungen erlebt, seit die Uraufführung in Venedig zum Skandal wurde. Zuletzt zeigte Johann Kresnik zu dieser Musik alle Übel des 20. Jahrhunderts, Günter Krämer brachte den Fremdenhass im vereinigten Deutschland auf die Bühne.

Udo Zimmermann hielt es für das geeignete Stück und er hielt Peter Konwitschny für den richtigen Regisseur, um zu Beginn seiner Intendanz an der Deutschen Oper Berlin ein Zeichen zu setzen. Ein drastisches nach langen Jahren, in denen dieses Haus eine behagliche, kuschelige Opernvertretung der Bundesrepublik in der "Frontstadt" war und das sogar noch blieb, als sich Berlin längst zur Hauptstadt entgrenzt hatte.

Natürlich beginnt Intolleranza ohne Vorhang. Man blickt auf ein gewaltiges Gerüst (entworfen von Hans-Joachim Schlieker) und einen Bauarbeiter, der darin sitzt und isst, trinkt, raucht. Mittagspause, Sozialkitsch aus dem Kumpelmuseum, für sich genommen einer der schlechtesten Anfänge, die Konwitschny je inszeniert hat. Doch als der Mann aufsteht, taumelt er, als schwanke das Gerüst, und stürzt schreiend ab.

Als sei mit ihm die alte Bebilderungsoper endgültig in den Orkus gekippt, beginnt nun etwas völlig anderes. Die Abspaltung. Die Musik hat schon damit begonnen, indem ein unsichtbarer Chor das einleitende Motto in Silben, ins kaum Verstehbare zerlegt. Zusammengefügt und lesbar gemacht werden sie auf Leuchtbändern, die von nun an alle Worte zeigen, oben, in der Mitte und an der Rampe.

Wer immer hier auftritt, bewegt sich im Text, in den Fragmenten aus Gedichten Brechts und Majakowskijs, aus Dokumenten zu Folter und Völkermord, und im Libretto, mit dem Angelo Maria Ripellino das alles einst grob verbunden hat.