Das Zentrum für Islam-Studien in Oxford entspricht in jeder Hinsicht dem Ideal der modernen angelsächsischen Universität: weltweiter Austausch, interdisziplinärer Ansatz, gesponserte Lehrstühle. Hier wird die islamische Welt in all ihren Facetten untersucht, eine Reihe hoch dotierter Stipendien versüßt die Forschung - macht sie nicht selten erst möglich. Die Namen der meisten Förderprogramme deuten auf arabische Stifter hin. So können sich Studenten des Zentrums etwa um ein Imam-Bukhari- oder ein Imam-Timrazi-Stipendium bewerben. Eine Auszeichnung, die etablierten Akademikern vorbehalten ist, erregt derzeit allerdings ganz besonderes Interesse: das Mohammad bin Laden Visiting Fellowship.

Steht das Bin-Laden-Stipendium in Oxford in Zusammenhang mit dem Mann, dessen Konterfei seit vergangener Woche die Steckbriefe in den USA und in Europa anführt? Fördert der gefürchtete Terroristenführer Osama bin Laden Elitestudenten in Oxford? Die Antwort lautet: nein. Es sei seine Familie, die das Forschungsstipendium stiftete, erläutert Basil Mustafa, Ausbildungsleiter am Zentrum für Islam-Studien. Das Programm sei dem 1968 verstorbenen Mohammad bin Laden gewidmet. Der Terrorist Osama ist Sohn des Namensgebers, eines von 54 Kindern. 1987 hatten seine Geschwister, die sich wiederholt öffentlich von ihm distanzierten, dem Institut einen kleinen Teil ihres Vermögens für das Bin Laden Fellowship gestiftet.

Die immer wiederkehrenden Fragen nach den Verbindungen der Terrorakte der vergangenen Woche mit der Bin-Laden-Familie oder gar mit den Islam-Institut in Oxford lassen Programmkoordinator Mustafa allmählich wütend werden: "Jeder, der sich in der islamischen Welt auskennt, weiß, dass der Mann von seiner Familie verstoßen wird." In den vergangenen Tagen hatten sich nicht nur neugierige Journalisten, sondern einige "dubiose Kandidaten", so Mustafa, und die Polizei wegen des auffälligen Namens gemeldet. "Wir können ihnen wirklich nicht weiterhelfen", betont Mustafa. "Wir haben keine Verbindungen zu Osama bin Laden. Dieser Mann hat nichts mit unseren edlen Stiftern zu tun, und deshalb denken wir auch nicht daran, den Namen des Stipendiums zu ändern." Anrufern, die nicht gezielt die richtigen Fragen stellen, kann es passieren, dass die Sekretärinnen des Instituts abrupt den Hörer einhängen oder Anrufer in die Warteschleife verbannen.

Noch stärker ins Visier der Fahnder gerieten vergangene Woche zwei weitere Bin-Laden-Stipendien - an der Harvard-Universität in den USA. 1993, nach dem ersten Anschlag auf das World Trade Center in New York, hatte die im saudi-arabischen Dschidda ansässige Bin-Laden-Gruppe eine Million US-Dollar an die Harvard Graduate School of Design gespendet. Ein Jahr später gab das von Bakr Mohammad bin Laden, dem ältesten Bruder Osamas, gelenkte Unternehmen eine weitere Million an die Rechtsfakultät der Hochschule. Dort hatte zuvor ein anderer Bruder, Abdullah bin Laden, sein Jurastudium erfolgreich abgeschlossen. Die Stipendien in Harvard sind noch großzügiger als in Oxford: Forscher islamischen Rechts oder Designs erhalten hier mehr als 2000 Dollar pro Monat. Höchstförderdauer sind neun Monate.

Der zuständige Pressesprecher in Harvard - der größten Wert darauf legt, dass sein Name ungenannt bleibt - betont, dass der Universität keine Verbindungen zwischen der Bin-Laden-Gruppe und den Anschlägen des verstoßenen Bruders Osama bekannt seien. Selbstverständlich verurteile die Universität die Attentate. Zur Frage einer Namensänderung äußert sich der Sprecher nicht.

Harvard müsse in dieser Angelegenheit sehr vorsichtig sein. Im Gegensatz zu Oxford nennt er deshalb keine Stipendiatennamen - "zum Schutz der Forscher, als prophylaktische Maßnahme". Staatsangehörigkeit, Geschlecht und Forschungsthema der Wissenschaftler hält die Universität ebenfalls für "äußerst schutzwürdig". Zurzeit gebe es drei Jura- und einen Designstipendiaten. Wie in Oxford sind beide Stipendien Mohammad bin Laden dem Älteren gewidmet.

In Oxford schweigt sich die Leitung des Zentrums für Islam-Studien über die Höhe der ursprünglichen Stiftungssumme aus. Hier erhält ein Bin-Laden-Stipendiat - ebenfalls über einen Zeitraum von maximal neun Monaten - 4000 britische Pfund, umgerechnet rund 13 000 Mark. Das ist nicht üppig, aber die Summe ist als Zubrot zu anderen Einkünften - oder Stipendien - gedacht und wird deshalb von den Empfängern als "kleiner Luxus" geschätzt.