Am Dienstag vergangener Woche saß er in der Schule, als irgendjemand rief: "Hey, das World Trade Center ist zusammengekracht!" Colin dachte nur: "Sehr witzig." Dann schaltete jemand ein Radio ein, nachmittags sah er zu Hause die Bilder des Infernos im Fernsehen, und seitdem fühlt sich die Welt "seltsam" an. "Weird", sagt er.

Am nächsten Morgen schien alles wie immer: Links von seinem Bett flog Michael Jordan auf einem Riesenposter mit dem Ball zum Korb, von der Decke blickte Tiger Woods seinem Abschlag hinterher, draußen schien die Sonne, ein wunderbarer Tag. Aber das Thema im Sozialkundeunterricht lautete: "Gibt es Krieg? Warum tun Menschen so etwas?" Krieg mache keinen Sinn, hat Colin beschlossen. "Terroristen muss man verfolgen und Geduld haben, bis sie einen Fehler machen."

Das Lauftraining am Nachmittag tut gut, da muss er nicht denken. Außerdem gibt es die Eishalle, wo Colin in seinem Element ist. Für die Jugendmannschaft beginnt die Saison, "das Leben geht ja weiter". Beim Training hat er seine durchweg größeren Gegner wie ein wattiertes Wiesel umkurvt und den Puck zweimal von halb rechts ins Netz gedonnert. "Am Körpereinsatz muss ich noch arbeiten", sagt Colin und trinkt aus einer Gatorade-Flasche. Mit zwölf Jahren darf man im Jugendeishockey zum ersten Mal mit Vollkontakt spielen, und mit eins vierzig zieht er beim Bodycheck meist den Kürzeren.

Colin wohnt in Ithaca im Bundesstaat New York, in einer Siedlung mit Einfamilienhäusern, Doppelgaragen und den obligatorischen Basketballkörben in der Auffahrt. "American dream" heißt dieses Bild, für das beide Eltern arbeiten müssen. Marianne, die Mutter, ist Grundschullehrerin, Vater Mark arbeitet als Beschäftigungstherapeut für Behinderte. Die Eltern haben ein waches Gespür für die Fragilität dieses Traums, aber das ist der nächsten Generation nicht einfach zu vermitteln. "Ich - verwöhnt?", fragt der Sohn.

Höchstens im Vergleich zu Hershel. Hershel wohnt mit seiner Familie in einem Trailer, in einem dieser Wohnwagen, "der gerade mal so groß ist wie unsere Garage". Das gibt zu denken, das ist näher als die Dritte Welt. Aber dann ist auf der anderen Seite Mike, dessen Vater ein Privatflugzeug hat. "Also bin ich nicht verwöhnt. Ich bin Mittelschicht, so richtig in der Mitte von der Mittelschicht." Und zur Mitte der Mittelschicht, findet er, gehört ein Swimmingpool im Garten. Die Eltern finden das nicht.

Hershel spielt mit Colin Eishockey, und vor jedem Match bitten die beiden den lieben Gott, dass er sie heute richtig gut aussehen lässt. Seit vergangenem Dienstag beten sie weniger um Tore als für die Toten in Washington und New York. Dann fühlt sich die Welt nicht mehr ganz so seltsam an.

Colin will Sportreporter werden und macht sich bereits Gedanken über ein gutes College. "Meine Eltern sparen, aber wahrscheinlich brauche ich noch ein Hockeystipendium." Aus dem geliebten Spiel wird langsam Ernst, wenn erst einmal die Talentspäher der Colleges auftauchen. Fürs College braucht man auch gute Schulnoten. Colins Durchschnitt ist gut, aber nicht berauschend.