Nicht einfach zu finden, das neue Museum! Gut verborgen liegt es in den Tiefen eines Krankenhauskomplexes aus der Gründerzeit am Rande der Heidelberger Innenstadt. Und der Besucher hatte wohl auch ein bisschen mehr erwartet, angelockt von der Nachricht, die Kunstsammlung Prinzhorn habe nun endlich - nach 80 Jahren! - ein eigenes Haus gefunden, ein "altes Hörsaalgebäude" (so hieß es). Doch das entpuppt sich, schließlich entdeckt, als ein eher zierlicher Großpavillon: drei, vier kleine Vorräume und ein einziger quadratisch anmutender Saal mittlerer Größe, in dem, nach Entfernung des historischen Gestühls, zur neuen Nutzung eine umlaufende, etwas arg schwarze, arg kantige Stahlgalerie eingezogen wurde, um auch den oberen Teil der hohen Wände in Schaufläche zu verwandeln. Fünf Millionen Mark hat Baden-Württemberg der Umbau gekostet

200 bis 300 Objekte, Grafiken vor allem, sind seit vergangener Woche hier zu sehen - in der Tat nur eine winzige Auswahl (die dreimal im Jahr wechseln soll) aus dem riesigen Fundus von inzwischen weit mehr als 5000 Werken.

Die berühmte, tatsächlich: weltberühmte Sammlung Prinzhorn. Das ist ein einzigartiges Ensemble von Werken seltsamer Künstler, von Menschen, denen durch psychische Erkrankung die Welt oder ihr Selbst abhanden gekommen ist.

Hervorgegangen aus dem Sammelsurium einer der institutsüblichen Asservatenkammern, wurde sie in nur wenigen Jahren, von 1919 an, durch Hans Prinzhorn und den Leiter der Heidelberger Klinik, Karl Wilmanns, per Rundschreiben an psychiatrische Anstalten und Pflegeheime des In- und Auslandes zu einer der größten Galerien ihrer Art zusammengebettelt. Schon in den Zwanzigern zählte sie über 4000 Objekte von etwa 450 Patienten - Gemälde, Grafiken, Skulpturen, Partituren, Texte und Textilien. In einem prachtvollen Folianten, Bildnerei der Geisteskranken, machte Prinzhorn 1922 die Werke bekannt (die übrigens bald schon in Galerien und Kunstvereinen Deutschlands, der Schweiz und in Frankreich gezeigt wurden). Hochgestimmt im Ton, immer auf der Suche nach dem echten, wahren, tiefen, dem ursprünglichen Ausdruck des Schöpferischen schlechthin, wurde das Buch, wurden vor allem die Abbildungen darin, zu einem Quell der Inspiration für etliche Künstler der klassischen Moderne.

Prinzhorn, geboren 1886, Sohn aus wohlhabender westfälischer Familie, promovierter Kunsthistoriker, ausgebildeter Konzertsänger, Arzt dazu, führte ein unstetes, schwärmerisches Leben. Alle fünf Monate neu verliebt und circa alle fünf Jahre neu verheiratet, taumelte der genialische Irrwisch auch "geistig" von Abenteuer zu Abenteuer - von Ernst Horneffers "männlicher Religion" zu Tolstois Sozialismus, vom schwülen Muff des George-Kreises zum Engagement für die Navaho-Indianer in Amerika

zuletzt sehen wir ihn, ähnlich wie den unsäglichen Ludwig Klages, den er so lange bewundert hat, im braunen Schlamm waten, besorgt ob der "Vorherrschaft des jüdischen Geistes" und bemüht, "die gesunden Keime in Hitlers Person und Sache" zu entdecken. Sein früher Tod, 1933 an einer Typhusinfektion, bewahrte ihn, so dürfen wir getröstet vermuten, vor weiteren (selbst)zerstörerischen Abwegen.

Auch in Heidelberg hatte er es nur kurz ausgehalten, 1921 war er schon wieder fort. Klinikdirektor Wilmanns, der Prinzhorns Arbeit weiterführte, warfen die Nazis raus. Werke der Sammlung wurden zwecks Denunziation der Moderne in die groteske NS-Prangerschau Entartete Kunst gesteckt, dann verschwand alles in irgendwelchen Klinikkellern oder Speichern, so lange, wie der Nazidunst über Deutschland-West lag, also etwa bis Anfang der sechziger Jahre.