Zum ersten Mal in der Geschichte des Bündnisses hat die Nato nach den Terrorangriffen auf Washington und New York den Verteidigungsfall erklärt.

Der weltweite Kampf gegen den Terror - auf dem Washingtoner Jubiläumsgipfel 1999 als Teil der neuen Nato-Strategie formuliert - steht vor seiner ersten praktischen Bewährungsprobe. Ist die Nato dafür gerüstet?

Geoffrey Lee Williams' und Barkley Jared Jones' Analyse zur Transformation der Nato und zu den Aufgaben des Bündnisses in den nächsten zwanzig Jahren zielt genau auf diese Frage. Sie ist faktenreich und detailliert bis in die Feinheiten der sicherheits- und verteidigungspolitischen Planung dies- und jenseits des Atlantiks. Williams, Direktor des Institute of Economic and Political Studies in Cambridge, und Jones, Senior Research Fellow am Londoner Atlantic Council, wissen, wovon sie schreiben.

Unbestreitbar ist, dass sich die Hoffnungen auf eine "Neue Weltordnung" nach dem Ende des Kalten Krieges, auf eine Ordnung, in der sich die großen Mächte dieser Welt dem in der UN-Charta verankerten Prinzip "kollektiver Sicherheit" verschreiben und so Frieden und Sicherheit bewahren -, als Illusion erwiesen hat. Ein Blick auf die Ruine des World Trade Centers oder auf den Balkan reicht, sich davon zu überzeugen.

"Willst du Frieden, bereite dich auf den Krieg vor": In dieser Regel aus dem alten Rom sehen die Autoren ein Leitmotiv für die Nato im 21. Jahrhundert - in einer multipolaren Welt, die mehr Nuklearmächte kennen wird, als heute existieren. Einer Welt, deren Sicherheit in den nächsten zwanzig Jahren, weniger durch expansionistische Gelüste aggressiver Staaten als vielmehr durch den Zerfall staatlicher Ordnungen, durch brutalen Terrorismus und durch Massenvernichtungswaffen in den Händen von so genannten "Schurkenstaaten" gefährdet sein wird.

Das verlangt einerseits von der Nato, ihre Fähigkeit zur nuklearen Abschreckung aufrecht zu erhalten, gebietet gleichzeitig aber auch - so die Autoren -, über ein neues globales Regime nachzudenken. So plausibel die Prognosen - beispielsweise über den Aufstieg Russlands und Chinas als ambitionierte Hegemonialmächte oder die Möglichkeit eines "großen Krieges" zwischen Indien und Pakistan - auch sind: Der eigentliche Wert des Buches liegt in der 200 Seiten knappen, aber präzisen Darstellung all jener sicherheits- und verteidigungspolitischen Debatten, Entwicklungen - und Versäumnisse! - auf beiden Seiten des Atlantiks, die den Weg zu einer neuen Nato ebnen beziehungsweise erschweren. Das hat Lehrbuchcharakter, zumal kein Aspekt unberührt bleibt: nicht die Nato-Osterweiterung, die (Un-)Fähigkeit der Europäer, ihr verteidigungspolitisches Gewicht im Sinne einer gleichberechtigten Partnerschaft innerhalb der Allianz zu erhöhen, oder die Auseinandersetzung mit dem neuen Phänomen eines islamischen Terrorismus.

Dass die Autoren dabei der Verteidigungsindustrie besonderes Augenmerk widmen, ist nur konsequent. Denn die militärisch-technologische Lücke über dem Atlantik wird nicht durch politische Absichtserklärungen überwunden, sondern durch konkrete Veränderungen - vor allem bei der Ausrüstung und Struktur der Streitkräfte. Wie schwer es solche Erkenntnisse haben, politische Wirklichkeit zu werden, kann hierzulande studiert werden. Den analytischen Wert der Aussagen von Geoffrey Lee Williams und Barkley Jared Jones schmälert dies jedoch nicht. Im Gegenteil: Die Ereignisse der letzen Woche belegen auf dramatische Weise, wie wichtig solche Untersuchungen sind.