Der Rauch der Terrorattacken in New York war noch nicht abgezogen, da meldete sich eine Vertreterin der amerikanischen Reisebranche zu Wort. Die Dame sagte: Niemand will sein Leben für einen Urlaub riskieren. Mit diesem Satz deutete sie an, was sich nun flächendeckend abzeichnet: Urlauber stornieren ihre Reisen. Dertour zum Beispiel zählte allein in der vergangenen Woche weit über 2000 Stornos für Reisen in die USA. Das Frankfurter Unternehmen gehört zum Rewe-Konzern, der mit seinen weiteren Marken Meier's Weltreisen und ADAC-Reisen der größte Anbieter für Touren in die Vereinigten Staaten ist. Umgekehrt rechnet man in Europa mit 80 Prozent weniger US-Gästen. Zu groß ist derzeit die Angst vorm Fliegen. Und nachdem Präsident Bush den Terroristen der islamischen Welt den Krieg erklärt hat, sagen deutsche Urlauber auch vermehrt ihre Reisen in islamische Länder ab.

Bei Öger-Tours gehen täglich 200 Stornos für Touren in die Türkei ein. Auch Oft-Reisen in Stuttgart spürt die Unsicherheit: Bis vergangenen Montag entschieden sich 114 Kunden gegen die gebuchte Ägyptenreise. Das Auswärtige Amt rät von Reisen in das Land der Pharaonen derzeit nicht ab. Die Folgen eines Gegenschlags der Amerikaner könnten jedoch auch Touristen in Ägypten treffen: Osama bin Laden hat in Ägypten Anhänger, die auch am Massaker in Luxor im November 1997 beteiligt waren. 58 Touristen wurden damals getötet.

Terror lässt den Tourismus nicht unberührt. Vor allem Dritte-Welt-Länder trifft er an ihrer empfindlichsten Stelle. Und dem Urlauber zeigt er einmal mehr, dass eine Reise kein Rundum-Sorglos-Paket und die Welt kein Paradies ist, wie es die bunten Kataloge suggerieren. Für die Ferienmacher ist Terror nichts Ungewöhnliches, er hat fast schon eine Tradition. Nicht nur Ägypten meldet sich regelmäßig durch irrationale Ereignisse ins öffentliche Bewusstsein zurück. Ähnlich ist es in der Türkei, wenn die kurdische Arbeiterpartei PKK Tourismusziele im Süden des Landes attackiert, oder in Sri Lanka, wenn Terroristen der tamilischen Befreiungsfront LTTE auf dem Flughafen Bomben zünden. Für einige Wochen oder Monate sind diese Ziele dann von der touristischen Landkarte ausradiert.

Der Tourismus ist weltweit zum größten Wirtschaftszweig avanciert. In den vergangenen Jahren war er vom Erfolg verwöhnt. Nach Angaben der World Tourism Organization (WTO) stieg die Zahl internationaler Ankünfte weltweit von 457 Millionen im Jahre 1990 auf 697 Millionen in 2000. Die Einnahmen aus dem Tourismus betrugen im vergangenen Jahr 476 Milliarden US-Dollar. Nun aber ziehen dunkle Wolken über das Geschäft mit Sonne und Meer. Möglicherweise nicht minder stark als zur Zeit des Golfkrieges. Keine andere Branche bekam die Auswirkungen damals so schmerzhaft zu spüren wie die Touristik.

Wochenlang hatten wir nicht einen Kunden, erklärt Ursula Reinert, Geschäftsführerin von Oft-Reisen, die seit über 30 Jahren Touren nach Ägypten organisiert. Das Ziel ist Überleben hieß damals das Credo der gebeutelten Branche. Ägypten-Spezialist Hetzel-Reisen in Stuttgart wurde seine 20 000 eingekauften Ägypten-Plätze 1991 nicht los. Das Unternehmen machte später Pleite.

Der US-Tourismusanalyst Bobby Bowers sagt der Fremdenverkehrsbranche seines Landes bereits ein Debakel voraus. WTO-Generalsekretär Francesco Frangialli glaubt jedoch nicht an eine weltweite Reiserezession. Sicherlich werden Amerikaner das Reisen scheuen, sagt er, der Anteil der USA am internationalen Reiseaufkommen macht aber nur 13 Prozent, Touristen anderer Märkte wie Japan, Deutschland oder Großbritannien werden weiterhin reisen.

Fronttouristen erwartet