Vielleicht hat wirklich am 11. September 2001 der "erste Krieg des 21.

Jahrhunderts" begonnen. Welchen Charakter wird dieser Krieg tragen?

Vielleicht ist es angebracht, weniger vom Zusammenprall der Zivilisationen zu sprechen als von einem Wettstreit der Kulturtechniken.

Die Vereinigten Staaten traf der erste Schlag gänzlich unvorbereitet. Wären Scud-Raketen auf New York oder Washington geflogen, dann wäre das Erschrecken groß gewesen, doch vermutlich hätten die Amerikaner sie abfangen können.

Warum gelang der Anschlag mit der scheinbar so viel schwerfälligeren Waffe ziviler Verkehrsmaschinen? Die banale erste Antwort lautet: Weil niemand mit so etwas gerechnet hat. Hinter dieser Antwort verbirgt sich aber eine Reihe weiterer, etwas speziellerer und interessanterer Feststellungen. Die Attentäter vollbrachten etwas gänzlich Unerwartetes, und sie arbeiteten dabei mit Mitteln, auf die Geheimdienste und das Militär des Westens schon längst nicht mehr eingestellt sind.

Die Attentäter scheinen sich auf körperliche Gewalt und Messer verlassen zu haben, um die Flugzeuge in ihre Gewalt zu bringen. Danach steuerten sie diese mit Hand. Ihre archaischen Waffen - Messer, Muskelkraft, elementare Flugkenntnisse und todesmutige Entschlossenheit - ließen sich mühelos an den Kontrollen und ihren Durchleuchtungsgeräten vorbeischmuggeln. Vor dem eigentlichen Terrorakt stand eine jahrelange Vorbereitung, eine Existenz auf dieses pathetische Ziel hin. Religionsanthropologisch darf man von Askese sprechen. Elemente dieser Entsagung waren absolute Verschwiegenheit, bedingungsloser Gehorsam, Überwindung von Zweifeln - also eine Disziplin, die in Europa zum letzten Mal von den Jesuiten, nicht zufällig im Zeitalter der Religionskriege, verwirklicht wurde. Getragen wurde die Disziplin von einer starken religiösen Überzeugung wir nennen sie Fanatismus und spüren den Hass darin. Doch lässt sich Hass in einer vertrauten Umwelt aufrechterhalten ohne erhitzte Frömmigkeit?

Diese Frömmigkeit muss nämlich die größte, bisher gar nicht gewürdigte Leistung der Terroristen getragen haben: ihre Fähigkeit, der westlichen Umwelt, in die sie sich als "sleeper" bis zu Unauffälligkeit integriert hatten, seelisch zu widerstehen. Die Verführungen des Westens, der Konsum, die Leichtigkeit seiner Lebensform, die Libertinage, waren ohne Einfluss auf diese arabischen Studenten, die uns von ihren deutschen Bekannten als gebildet, höflich, fleißig und tolerant geschildert werden. Sie blieben ihrem Auftrag treu. Offenbar verschmähten sie über weite Strecken selbst die Bequemlichkeit westlicher Kommunikationsmittel, verließen sich, wie Boten, die nichts Schriftliches bei sich haben, auf die mündliche Mitteilung, anstatt Mobiltelefone und E-Mails zu verwenden.