Wo Rudolph Giuliani erscheint, gehen Ovationen auf ihn nieder. Als New Yorks Bürgermeister am Montag die Warenterminbörse wiedereröffnet, wird er mit "Ru-dy, Ru-dy"-Rufen empfangen. Fast jeder auf dem Parkett weiß Freunde unter den Schuttbergen, und Giuliani tritt so vor die Makler: "Ihr alle habt überlebt. Gott will, dass alle die Verpflichtung spüren, die daraus erwächst." Und die Menge ruft: "Noch vier Jahre! Noch vier Jahre!" Wenig später taucht der Bürgermeister auf an der Stätte der Verwüstung, wo er Retter aufmuntert, anfeuert, beruhigt. Plötzlich schallt es ihm entgegen: "Noch zehn Jahre! Noch zehn Jahre!"

Rudolph Giuliani steigt aus der Asche. Vor dem Angriff war er ein Bürgermeister auf Abruf, eine "lahme Ente" kurz vor dem Ende seiner Laufbahn.

Herrisch und polarisierend. In Gefahr, sich zum Abschied noch lächerlich zu machen mit öffentlichen Moralpredigten in Zeiten eines privaten Rosenkrieges.

Alles vergessen, alles vergeben. Der eiserne Verbrechensbekämpfer, der die Stadt zu Beginn seiner acht Amtsjahre der Mafia entwand, erlebt seine strahlendste Stunde im größten aller Verbrechen.

Omnipräsent scheint er zu sein, auf der Schutthalde des ehemaligen Welthandelszentrums, im Krankenhaus, in der Feuerwehrzentrale, bei der Wiedereröffnung des Rathauses, in der Zentralen Synagoge und vor allem: im Fernsehen. Er ist der Mann, der seiner Stadt und seiner Nation eine Stimme verleiht. Der Trost spendet und Zuversicht verströmt. Der Krisenmanager ist und zugleich Pastor. Der dem Land gibt, was es in diesen Tagen der Verunsicherung am meisten zu brauchen scheint: Führung. Zum "neuen Bürgermeister von Amerika" hat ihn Newsweek gerade ernannt.

Schon wollen lokale Initiativen das Gesetz geändert sehen, um Giuliani eine dritte Amtszeit zu ermöglichen. Das schmeichelt ihm, und doch wird er brüsk.

Den demokratischen Prozess zu unterminieren, sagt Giuliani, sei doch das Ziel der Terroristen. Deshalb: Zwei Amtszeiten und Schluss!