Mark Lilla, seit kurzem Professor für Social Thought an der Universität von Chicago, ist heute der führende intellektuelle Kommentator in den Vereinigten Staaten, wenn es um europäische Denker und Ideen geht. Seine großen Stücke in der New York Review of Books und andernorts, meist Porträts, gehören zu der Sorte von Artikeln, die man sich zur Seite legt, um sie später wieder zu lesen und vielleicht auch mit ihnen zu arbeiten.

Die New York Review, die seit einiger Zeit ihren eigenen Buchverlag betreibt, bringt nun seine besten Artikel gesammelt heraus - und siehe da, es ergibt sich eine kleine Bildergalerie des kontinentaleuropäischen Geistes im letzten Jahrhundert, von dem seltsamen Freundestrio Heidegger, Arendt und Jaspers über Carl Schmitt, Walter Benjamin und Alexandre Kojève zu Michel Foucault und Jacques Derrida. Lilla fragt nach den "philotyrannischen", antidemokratischen, antimodernen, antiliberalen Leidenschaften, die die meisten dieser Denker wenigstens für einige Zeit umgetrieben haben.

Dabei gebärdet er sich nicht als Großinquisitor der liberalen Demokratie. Er versucht in sechs Anläufen zu verstehen, was brillante Köpfe wie diese zu politisch-moralischen Kretins und manchmal gar zu Handlangern des Bösen gemacht hat. Man kann nur hoffen, dass dieses große kleine Buch, das das Zeug zu einem Standardwerk hat, bald ins Deutsche und Französische übersetzt wird: Denn Lilla versteht die Propheten meist besser, als sie im eigenen Land verstanden werden können.

Und oft auch besser, als sie sich selber verstehen. Was er auf kaum dreißig Seiten über Jacques Derridas späte Erweckung zum politischen Denker zu sagen hat, ist auf eine höchst scharfsinnige Weise niederschmetternd, dabei ganz ohne das verbreitete Ressentiment argumentiert. Niemand hat in dieser Schärfe die Problematik der messianischen "Politik des Jacques Derrida" herausgearbeitet: "Die Logik seiner eigenen philosophischen Argumente ist stärker als Derrida. Er kann einfach keinen Weg finden, die Natur jener Gerechtigkeit zu spezifizieren, der linke Politik verpflichtet sein soll, ohne sich dabei selbst eben jener Dekonstruktion auszusetzen, der er andere so freudig unterzieht. Es sei denn, natürlich, er platzierte die ,Idee der Gerechtigkeit' in einem ewigen, messianischen Jenseits, wo sie durch Argumente nicht erreicht werden kann, und hofft dabei inständig darauf, dass seine sympathisierenden Leser nicht zu viele Fragen stellen werden."

Lilla aber ist ein Leser, dem gerade seine Sympathie immer neue unangenehme Fragen eingibt. Er hat das besondere Talent, in ein paar gemeinverständlichen Sätzen die tektonischen Verschiebungen der französischen Intellektuellenszene zwischen den Auftritten von Sartre, Lévi-Strauss, Foucault und Derrida erklären zu können: Wie konnte es kommen, dass das Wort "Humanismus" zum Schimpfwort wurde? Welcher Weg führt von Lévi-Strauss' Interesse an den Differenzen zwischen den Menschen zum Fetischismus der "Andersheit" bei seinen poststrukturalistischen Kritikern? Wie hat der Prozess der Entkolonisierung die Kritik des abendländischen Denkens beeinflusst? Wie wurde aus Heideggers Destruktion Derridas Dekonstruktion (und macht dies wirklich einen entscheidenden Unterschied)?

Wie kann es sein, dass Derridas politische Philosophie, die viel Aufhebens von der "différance" macht, in ihren politischen Aussagen vor allem durch die Unfähigkeit zur Differenzierung auffällt: Nach Derrida gibt es nämlich nirgends auf der Welt Gerechtigkeit, nirgends Demokratie. Lillas Kritik des Derridaschen Denkens ist vernichtend, und das ganz ohne Furor: "Derrida gehört zu der vagen Sorte von Sozialliberalen, die ,Differenz' schätzen, und er wünscht, dass Europa ein offenerer, gastfreundlicherer Ort, nicht zuletzt für Einwanderer, werden möge. Das sind weder sehr bemerkenswerte Ideen, noch sind sie verwerflich. Aber Derrida ist überzeugt, dass der einzige Weg zur Ausweitung der demokratischen Werte, an die er selber glaubt, darin besteht, die Sprache zu zerstören, in der der Westen sich diese Werte begreiflich gemacht hat. Wenn jedoch dieser Punkt einmal erreicht sein wird, werden wir entdecken, dass die Demokratie, die wir wollen, nicht beschrieben oder verteidigt werden kann

sie kann dann nur wie ein irrationaler Glaubensartikel behandelt werden, ein messianischer Traum."