Georg Milbradt, der neue Vorsitzende der sächsischen CDU, ist über die Landesgrenzen hinaus bekannter, als es Landespolitiker sonst zu sein pflegen.

Diese Bekanntheit verdankt er vornehmlich Ministerpräsident Biedenkopf, der Milbradt zu Beginn des Jahres als Finanzminister entlassen hat, um ihn als Bewerber um die eigene Nachfolge auszuschalten. Widerspenstigerweise hat die sächsische Union nun den Verstoßenen an ihre Spitze berufen und ihn als Biedenkopf-Erben damit so gut wie unvermeidlich gemacht.

Georg Milbradt ist ein merkwürdiger Politiker. Biedenkopf hat ihn sogar einen "miserablen Politiker" genannt was zwar einerseits eine ungerechte Ungehörigkeit war, zugleich aber auch nicht ganz ohne Grund. Denn Milbradt kann von bemerkenswerter, geradezu unpolitisch wirkender Schroffheit sein - nicht bloß persönlich, sondern auch sachlich, in seiner knochentrockenen Art.

Seine Auffassungsgabe und geistige Verarbeitungsgeschwindigkeit verbindet ihn mit Biedenkopf. Weniger begabt als der Regierungschef ist er in puncto Repräsentation. Sollte er tatsächlich die Nachfolge antreten, so wird der Festglanz über Dresden spürbar verblassen.

Die klare Entscheidung für Milbradt war nicht bloß eine erstaunliche Selbstständigkeitsdemonstration der sächsischen CDU. Sie war auch ein Zeichen dafür, dass die Nachwende-Ära vorbei ist und die Zeit der Vaterfiguren Biedenkopf, Stolpe oder Bernhard Vogel abläuft. Milbradt, der dank seiner Finanzministervergangenheit oft als bloßer Sparpolitiker wahrgenommen wird, verfolgt eine durchaus klare und umfassende Strategie. Er sieht die Defizite seiner Partei in den Städten, die der Union seit Anfang der neunziger Jahre überwiegend verloren gegangen sind. Um sie zurückzugewinnen, muss die CDU sich urbanisieren, einen im weitesten Sinne bürgerlichen, im Kern wirtschaftsliberalen, vom Lebensgefühl her modernen Kurs einschlagen. Das ist eine Analyse, die in der PDS den einstweilen stärksten, in der SPD aber den langfristig gefährlicheren Konkurrenten sieht - ihr muss man die Neue Mitte streitig machen, die sich auch in Ostdeutschland entwickelt. Milbradts Erfolg oder Scheitern in Elb-Florenz wird daher nicht allein die Sachsen interessieren. Jan Roß