Natürlich galt der Angriff auf das World Trade Center auch der Weltwirtschaft. Und zwar aus terroristischer Sicht zu einem perfekten Zeitpunkt. Denn der amerikanische Riese, die größte Wirtschaft der Welt, torkelt schon seit Monaten. Wird er in die Knie gehen?

Im Angesicht des Schreckens waren Konjunktur und Börse zweitrangige, ja widerliche Themen. Aber jetzt, da an der Wall Street wieder gehandelt wird, rücken sie nach vorn. Denn Kurse und Wachstum sind kein Selbstzweck. Sie sind die Ziffern für Jobs, Wohlstand, wirtschaftliche Sicherheit. Und sie werden die Schicksalsfrage beantworten: Kann eine Hand voll Terroristen die Weltwirtschaftskrise herbeimorden? Das "D-Wort" geht um - für Depression.

Ohne Wunden wird die Weltwirtschaft nicht davonkommen. Die Verluste im Flugverkehr und im Finanzhandel wachsen, und der Schrecken drückt zwangsläufig auf die Lust zum üppigen Konsum. Zwar werden Staaten und Unternehmen nun mehr Geld in Sicherheitssysteme investieren, doch den Rückgang der Konsumentennachfrage kann das nicht ausgleichen. Börsianer werden die Risiken neu bewerten, Verlierer herunter- und mögliche Gewinner heraufstufen. Manche hoffen auf eine "Patriotismus-Rallye", doch würde eine solche Kurz-Hausse die Reaktion der Märkte auf verschlechterte Bedingungen nur hinauszögern.

Mehr Geld für die Sünder Trotzdem: Ein Desaster muss nicht sein. Die Zentralbankchefs in Washington und Frankfurt haben aus Fehlern ihrer Vorgänger gelernt und stellen so viel frisches Geld zur Verfügung, wie die Finanzmärkte brauchen. Kurz nacheinander senkten sie zudem die Zinsen und federten so die Börsenreaktion ab. Freilich müssen die Notenbanker wachsam bleiben - damit zum Beispiel der Dollarkurs nicht in die Tiefe rast. Der Türkei, Argentinien, ja allen Ländern mit überbewerteter Währung und überhöhter Auslandsverschuldung droht nun erst recht die Zahlungsunfähigkeit. Ganz gleich, wie sie gesündigt haben: Der Internationale Währungsfonds und die Industriestaaten müssen aus Eigeninteresse Kredite überweisen. Sonst stoßen die fallenden Dominos andere Schwellenländer um. Jetzt ist nicht die Zeit, um Sündern wider die Marktwirtschaft eine Lektion zu erteilen.

Bisher machen die Lenker der Weltwirtschaft keine Fehler und lassen weiter hoffen. Noch wichtiger als den Konjunktureinbruch abzuwehren ist es, falsche Schlussfolgerungen zu vermeiden. Die Terroristen sind die schwarze Kehrseite der zusammenwachsenden Welt. Sie nutzen die freien Grenzen für Menschen, Güter und Kapital. Haben sie auch mithilfe des Terrors als Insider an der Börse abgesahnt? Sie könnten es jedenfalls. Wenn die Industriestaaten und ihre Unternehmen jetzt mehr Sicherheit verlangen, muss die innere wie die wirtschaftliche Freiheit gewahrt bleiben.

Die Globalisierungsströme zurückzustauen würde in die Hände des Terrors spielen. Tatsächlich will eine riesige Koalition der Staaten Wandel und Handel. Deshalb muss die freiheitliche Welt Zeichen setzen. Währungsfonds und Weltbank haben ihre Herbsttagung in Washington abgesagt - warum eigentlich?

Nur die Finanzminister der großen Industriestaaten wollen sich noch treffen, in Italien statt am Potomac. Sie sollten besser in New York konferieren. Die Welthandelskonferenz in Doha sollte wie geplant im November stattfinden - gerade wo China endlich den Weg in die Welthandelsorganisation (WTO) gefunden hat. Was könnte eindringlicher Stabilität und den Willen zur Offenheit demonstrieren als die weitere Liberalisierung des Handels - unter Einbeziehung der arabischen Staaten? Sicherheit vor Terror und Mobilität von Menschen, Waren und Kapital widersprechen sich schlimmstensfalls kurzfristig.