Ich kann mich gut an den Tag erinnern, an dem mein Vater starb. Es war ein früher Sonnabendmorgen im Jahr 1960. Ich war 16. Mein Vater 55. Ich wurde aufgeweckt durch sein lautes Atmen - Keuchen vielmehr - und durch die Stimme meiner Mutter, aus dem Zimmer neben meinem. Wir lebten in Mississippi, in einem neuen Vorstadthaus. "Carrol?", hörte ich meine Mutter sagen. "Carrol, wach auf." Ihre Stimme war bittend, wurde unsicher, ängstlich. Seine schwer keuchenden Atemzüge hielten an. Ich stand auf und ging den kurzen Flur herunter, um die Tür zum Zimmer meines Vaters zu öffnen, und ich sah hinein.

Weil es schon so lange her ist, erinnere ich jetzt nicht, ob meine Mutter über sein Bett gebeugt war oder darauf saß, ob sie ihn berührte oder neben ihm stand und schrie. Ich erinnere nur, dass mein Schlafanzug blau war. Und ich erinnere, dass ich mich hinkniete neben dem Bett meines Vaters und ihn schüttelte, seine Schultern schüttelte, ihm das Gesicht tätschelte - er schien zu schlafen, vielleicht hatte er einen Albtraum -, den Namen sagte, der mein Name für ihn war. "Daddy, Daddy, wach auf." Ich konnte seinen großen, verschwitzten Körper riechen, sein schlaffes Selbst fühlen, locker und mit losen Gliedmaßen, seine Wangen und der Mund waren entspannt. Er hatte aufgehört zu atmen. Ich versuchte, seinen Mund mit meinen Fingern zu öffnen und ihn zu beatmen. Ich versuchte, seinen Brustkorb herunterzudrücken. Ich versuchte, ihn zu bewegen. Ich legte meine Arme um seine Schultern und schüttelte ihn. Ich hörte, wie meine Mutter sagte: "O Gott, nein, nein, nein!" Und ich fühlte Angst, Entsetzen, Liebe, Wut, Verwirrung, physische Anspannung, das Bedürfnis nach einem größeren Zusammenhang, einer größeren Tatkraft, und ich fühlte das Versagen. Kurz: Ich erlebte alle die kleinen und großen Koeffizienten der unauslöschbaren Liebe eines Sohnes.

Natürlich kann ich über alle diese Vorkommnisse, diese Gefühle, diese Intimität und diese Zeugenschaft nur deshalb sprechen, weil mein Vater nicht durch ein Düsenflugzeug sterben musste, das durch sein Fenster flog und ihn grundlos vernichtete. Er starb nicht, weil er von einem Fremden in Gegenwart von anderen Fremden idiotisch erstochen wurde. Er starb nicht, indem er aus einem Fenster fiel, 90 Stockwerke tief und in verzweifelter Resignation. Er wurde nicht, auf den Rücksitzen einer fliegenden Bombe zusammengekauert und nicht wissend, was in Gottes Namen als Nächstes passieren würde, aber hoffend, es sei etwas Gutes, in zigtausend Stücke zerfetzt. Und ich selber war nicht zurückgeblieben auf einer sonnigen, ausgebombten Straße mit seinem Bild in den Händen.

Nein, wirklich nicht. Mein Vater starb, falls es das gibt, ordentlich: in seinem Haus, in seinem Bett, möglicherweise im Schlaf - bevor er dazu bereit war, sicherlich, aber in meinen Armen und in Gegenwart seiner einzigen Frau.

Ich denke an diese Ereignisse jenes kalten Morgens jeden Tag mit Schmerzen, mit Staunen, mit Trauer und mit der Gewissheit, dass ich tat, was ich für ihn tun konnte, und vielleicht wusste er es sogar.

In Audens Gedicht Musée des Beaux Arts fällt der glücklose Ikarus in die See, während der Ackermann auf dem nahen Feld es nicht zu bemerken scheint. "... der Ackermann könnte den Sturz in das Wasser gehört haben", schrieb Auden, "den verlorenen Schrei, aber für ihn war es kein wichtiger Fehlschlag

die Sonne schien, wie es ihre Aufgabe war, auf die weißen Beine, die im grünen Wasser verschwanden