An seinem zarten Handgelenk wirkt die Uhr noch größer. Sie hat einen Stopper, Wecker und Timer. Jonathan wünscht sich, dass die Zeit vergeht. Er zählt die Tage bis zum 13. Geburtstag. Dann ist seine Bar-Mizwa, jenes Fest im Judentum, das den Eintritt ins Mannesalter symbolisiert. Ihn beunruhigt zwar, dass er in der Synagoge ausgerechnet den komplizierten Wochenabschnitt Balak vorlesen muss. Aber er wird das schon schaffen, versichert er. Er ist schließlich kein ängstlicher Typ.

Jonathan kommt gerade vom Taekwondo-Training heim. Er wohnt im Reihenhaus in Jerusalem, samt Garten, Katze und einem eigenen Zimmer voller Sportposter.

Erst, erzählt er, wollten seine Eltern die Bar-Mizwa-Feier im nur 25 Kilometer entfernten Jericho ausrichten. Auf einem Berg mit Blick aufs Jordantal. Jonathan schwärmt von den schönen roten Gondeln, sie hatten ihn über der Wüste in den Himmel hinaufgeschaukelt. Aber in die palästinensisch kontrollierten Gebieten zu fahren ist heute lebensgefährlich. Und die Seilbahn funktioniert nicht mehr.

Mit zwölf sehnt man sich nach Unabhängigkeit. Doch seit die Intifada losbrach, wird Jonathan jeden Tag von seiner Mutter zum Unterricht gebracht, nachmittags holt sie ihn wieder ab. Ganze dreimal hat er im vorigen Jahr allein den Bus zur Schule genommen. An einem Morgen, als er, trotz seiner riesigen Uhr, wieder einmal zu spät in der Klasse auftauchte, redeten alle mit erhitzten Köpfen über den Hausmeister. Ein Siedler, er war auf dem Weg zur Arbeit von Heckenschützen erschossen worden. "Ich konnte gar nicht glauben, dass er nie wieder unsere Aula wischen würde." Ob Jonathan glaubt, dass irgendwann Frieden sein wird? "Nein. Vielleicht gibt es einmal zehn Jahre Ruhe. Aber dann wird alles wieder anfangen."

Wie frei hat er sich in den Sommerferien in Italien gefühlt. Niemand machte sich Sorgen, wenn er ganz allein in den Dörfern herumstreunte. Aber auch dort hörte er im Radio von dem Attentat auf die Pizzeria Sbarro in Jerusalem.

Fünfzehn Tote, zig Verletzte, darunter viele Kinder. Auch Jonathan hat in dem Restaurant schon gegessen. Erst wollte er nicht mehr zurück. Aber dann war das doch nicht ganz ernst gemeint. "Israel ist mein Land, hier sind meine Freunde, meine Familie. Abhauen geht nicht."

Plötzlich sitzt er ganz gerade da, baumeln die Beine nicht mehr. Mit seinen Freunden, sagt er, rede er nicht über seine Angst vor Gewalt. "Von alldem hören wir schon genug." Die Jungen sitzen am Computer, spielen Fußball, unterhalten sich über Harry Potter und die Zukunft. Jonathan wird nach dem Abitur zum Militär gehen, keine Frage. Er interessiert sich für die Computerbrigaden oder für Galei Zahal, das populäre Armeeradio, wo viele der bekannten Journalisten ihre Karriere begonnen haben. Redakteur, das könnte er sich auch vorstellen. Wohnen möchte er am liebsten in Tel Aviv. Heiraten, eine Familie, das will er natürlich auch. Aber nicht vor 30, grinst er, "damit vorher noch genug Zeit zum Leben bleibt".