Peking

Über Nacht glaubten sich die Chinesen im neuen Kalten Krieg des 21.

Jahrhunderts wiederzufinden: Das war im April dieses Jahres, als ein amerikanisches und ein chinesisches Militärflugzeug über dem Südchinesischen Meer kollidierten, der chinesische Jäger abstürzte und die US-Spionagemaschine auf der Insel Hainan notlandete. Genauso entschlossen wie in dieser Woche trat George W. Bush damals auf den grünen Rasen vor dem Weißen Haus. Nur stellte der amerikanische Präsident nicht dem Armenhaus Afghanistan, sondern dem riesigen, aufstrebenden China ein Ultimatum: "Es ist an der Zeit, dass unsere Soldaten nach Hause kommen." Peking solle die notgelandeten Spione freigeben. Wie die Welt heute aussähe, hätte der chinesische Präsident Jiang Zemin nicht auf Bush gehört? Man mag es sich nicht vorstellen. Inzwischen hat Amerika einen anderen Feind, und der Kalte Krieg mit China ist wieder in weite Ferne gerückt.

Ein Aufatmen geht durch die Reihen der chinesischen Führung. Gleich zweimal rief Jiang Zemin vergangene Woche bei Präsident Bush an: Um zu kondolieren und um seine Zusammenarbeit anzubieten. Gerade erst hat Peking mit der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit - neben China gehören ihr Russland, Kasachstan, Kyrgystan, Tadschikistan und Usbekistan an - einen Staatenverbund gegründet, der gegen den islamischen "Extremismus, Separatismus und Terrorismus" antritt. Nun bietet die Volksrepublik auch Washington geheimdienstliche Kooperation an. Der Feind ist schließlich derselbe.

Auf das Konto in Afghanistan ausgebildeter Unabhängigkeitskämpfer gehen nach Ansicht Pekings die seit 1997 erfolgten Bombenanschläge in der chinesischen Westprovinz Xinjiang

dort stellt die islamische Volksgruppe der Uiguren die Mehrheit der Bevölkerung. "Der Terrorismus ist der gemeinsame Feind der USA und Chinas", verkündet Oberst Luo Yan, Leiter der Abteilung für Strategiestudien an der Chinesischen Akademie für Militärwissenschaften.

"Bekämpfen wir ihn gemeinsam, wird die Feindseligkeit zwischen uns erlöschen und gegenseitiges Vertrauen wachsen."