Den Oscar als beste Nebendarstellerin würde ich später gern gewinnen, erklärt Luise in ihrem himmelblauen Mädchenzimmer, posierend in einer Mischung aus Entschlossenheit und Zukunftsträumerei. Nebenrollen findet Luise in Kinofilmen nämlich meist interessanter besetzt als die Hauptrollen.

Trotzdem ist Topstar Julia Roberts ihr Vorbild, weil sie so eine positive Ausstrahlung hat. Und wenn sie lächelt, dann sieht es aus, als hätte sie einen Kleiderbügel im Mund.

Vor allem als Rotkäppchen hat Luise auf diversen Geburtstagspartys Schauspielerfahrung schon gesammelt: Immer in andere Rollen zu schlüpfen würde mich an diesem Beruf so reizen. Dass ich mich jederzeit als 44-jährigen Mann ausgeben könnte, gefällt mir auch beim Chatten im Internet gut. Niemand würde es merken! Meist aber gibt sie sich im Harry-Potter-Chatroom doch als das Mädchen zu erkennen, das sie ist. Wohl auch, weil sie mit ihrem Leben gerade ganz zufrieden ist.

Zwar findet sich Luise zu dünn, und ab und zu streitet sie mit ihren Eltern, weil die immer genau wissen wollen, wo sie ist und wann sie nach Hause kommt, und nie Lust haben, die Tochter am späten Freitagabend von der Schuldisco abzuholen. Aber im Vergleich zu den Kindern in der restlichen Welt geht es mir doch sehr gut. Als ich zum Beispiel die Bilder aus New York gesehen habe, das war total schlimm. Ich habe auch ein bisschen geweint, weil so viele Menschen umgekommen sind. In der Schule hatten wir eine Gedenkminute. Am schlimmsten fand Luise, dass manche Leute in Palästina gejubelt haben. Oder wenn ich mir vorstelle, wie Mädchen in meinem Alter im Kosovo leben, dann weiß ich zwar, dass die durch den Krieg schon viel mehr erlebt haben und reifer sind als ich. Aber tauschen möchte ich nicht.

Luise hat eine klassische Ostberliner Adresse, sie wohnt in der Schönhauser Allee. Ich könnte nicht irgendwo auf dem Land leben, wo man erst einmal eine Stunde lang fahren muss, um sich die Bravo zu kaufen. Sie besucht ein Musikgymnasium in Friedrichshain, dorthin fährt sie jeden Morgen mit der U-Bahn, gemeinsam mit ihrer besten Freundin Steffi, die sie am Alexanderplatz trifft.

Obwohl Luise selbst noch als DDR-Bürgerin zur Welt kam, spielt es für sie keine Rolle, wer von ihren Mitschülern Ossi oder Wessi ist. Ich habe meine Eltern neulich mal gefragt, wo sie in der Nacht waren, als die Mauer fiel.

Aber sonst interessiert mich die ganze Geschichte nicht weiter.