Paris

Vor knapp drei Wochen lief der 25-jährige Franzose Safir Bghouia im Namen Allahs Amok. Mit einer Panzerfaust, die er vermutlich aus seinem Einsatz als UÇK-Söldner in Mazedonien mitgebracht hatte, schoss er zunächst auf eine Polizeistreife. Dann gab er bekannt, dass er jetzt noch "einen Bullen erledigen" wolle. Zwölf Stunden und einen Mord später wurde er auf einem Parkplatz in Béziers von der Antiterroreinheit der französischen Polizei erschossen, als er gerade seinen Raketenwerfer nachlud. Sein Kofferraum war voll gepackt mit Sprengstoff, Gewehren und Munition.

Ein "durchgedrehter Einzeltäter", hieß es dazu im französischen Innenministerium. Doch die Öffentlichkeit musste bei dieser Gelegenheit beunruhigt zur Kenntnis nehmen, wie weit Kriegswaffen in den ghettoartigen Vororten der Großstädte inzwischen verbreitet sind, mitgebracht von französischen Muslimen, die sich im ehemaligen Jugoslawien aufseiten ihrer Glaubensgenossen verdingt hatten. Angefangen hat dieser Handel mit Kriegsgerät vor etwa fünf Jahren. Das war kurz nach der islamistischen Terrorwelle im Sommer 1995, bei der acht Menschen starben und mehr als 200 verletzt wurden. Die Täter waren meist junge Gauner aus algerischstämmigen Familien, Dealer und Kleinkriminelle, die von den algerischen Islamisten der GIA angeworben worden waren. Sie hatten in Paris, Lille und Lyon Bombenattentate mit schraubengefüllten Dampfkochtöpfen verübt. Ihr Glaube an Allah war oft frisch und oberflächlich, wie bei dem Hauptverdächtigen Khaled Kelkal, der den Islam überhaupt erst als erwachsener Gefängnisinsasse kennen gelernt hatte.

Die französische Polizei hat in enger Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten und mit zwei spezialisierten Untersuchungsrichtern Hintermänner und Helfershelfer der Anschläge von 1995 ermittelt. Sie offenbarten ein weit gespanntes algerisch-islamistisches Terroristennetz, dessen Kämpfer zum Teil in Afghanistan ausgebildet worden waren. Ihr Kopf Ali Touchent alias Tarek unterhielt von Brüssel Kontakte in aller Welt.

Frankreich verfügt seit 1991 über ein besonderes Sicherheitskonzept zur Vorbeugung gegen islamistische Anschläge. Der so genannte plan vigipirate entstand im Anschluss an Überlegungen einer Nato-internen Arbeitsgruppe zu Bedrohungen durch den "inneren Feind". Erstmals wurde er während des Golfkriegs angewandt, um Aufständen in den Großstadt-Vororten vorzubeugen, in denen viele Muslime leben. Bedrohliche Zeiten erkennen Großstädter inzwischen vor allem an zugeschraubten Papierkörben in den Straßen und an einem deutlich verstärkten Polizeiaufgebot an Bahnhöfen, Flughäfen und öffentlichen Einrichtungen.

Flugzeugentführungen lassen sich offenbar auch mit dem plan vigipirate nicht verhindern. Im Dezember 1994 kaperten GIA-Terroristen einen Airbus der Air France, der nach drei Tagen in Marseille von einer Antiterroreinheit der Polizei gestürmt wurde. An Bord fanden sich zwanzig Stangen Dynamit. Damit, so berichteten Passagiere später, hätten die Entführer Paris in Brand setzen wollen.