Lektüreempfehlungen? Ich rate grundsätzlich davon ab. Belasten nur die Freundschaft. Da sitzt man beim Wein, plaudert über dieses und jenes. Und dann fällt so ein Satz in den Nachmittag: "Die musst du lesen. Schreibt wie Agatha Christie." Weil mir der Sinn weder nach Old Agatha noch gar nach einer deutschen Imitatorin stand, hätte mich der Tipp beinahe viel Vergnügen gekostet. Zumal der angepriesene Titel Wie könnt ihr schlafen auch nicht nach Muntermacher klang.

Wie könnt ihr schlafen erschien 1999. Es ist das erste Buch der 30-jährigen Monika Geier und bekam gleich den Marlowe, zu Recht. In Kreimersheim, einem fiktiven Kaff in einem dumpf grünen Pfälzerwald, hat Geier alles Material zusammengetragen, was man für einen Lore-Roman braucht. Das geheimnisumwitterte Herrenhaus der Sägewerksbesitzer, die seit Jahrzehnten ein kapitalistisches Jus primae Noctis ausüben. Die jobbende Studentin, der der Erbe nachsteigt, der bigotte Lehrer, die hysterische Apothekerin, die Architektin mit Sportwagen und Vergangenheit. Die Kinderleiche im Garten des Herrenhauses.

Szenerie und Protagonisten scheinen auf Stereotype aus stabilstem Pappmaché angelegt. Doch schon nach Überwindung der unbeholfenen ersten Sätze - irgendwie muss es halt losgehen - gewinnen die Figuren eine mitreißende Lebendigkeit, sodass man/frau mit wachsender Spannung auf die nächsten Auftritte auch der abseitigsten Nebenfiguren wartet. Es ist, als lösten sich Ausschneidefigürchen aus ihrer zweidimensionalen Existenz und begännen Shakespeare zu spielen, ohne dabei je ihre Herkunft als Kinderspielzeug zu verleugnen.

Selbst wenn man sich einige Wochen nach der Lektüre nicht mehr an alle Einzelheiten des Falles erinnert, bleiben doch die sumpfig-waldige Atmosphäre und die atembeklemmende Enge unvergessen, in der Verbrechen, seien sie geringfügig oder monströs, zerstörerische Gewalten entfesseln.

Wenn Sie Geier noch nicht kennen - und das werden außerhalb der Pfalz doch eine Menge Leser/innen sein, beginnen Sie mit Wie könnt ihr schlafen. Darin nimmt Bettina Bolls Karriere ihren Anfang. Ihr Chef redet die etwas ungeschlachte Rothaarige, die mit Jeans und Schlabberpullover nicht gerade das Musterbild einer Kommissarin im Morddezernat abgibt, grundsätzlich mit "Böllchen" an. Damit wissen wir, was das für ein Chef ist. Wenn sie mit der Bitte reagiert: "Sagen Sie nie wieder 'Böllchen' zu mir!", wissen wir noch lange nicht, woran wir mit ihr sind.

Boll ist kerngesund und zwerchfellerschütternd normal. Vor allem ist ihr die Erbkrankheit des deutschen und besonders des Frauenkrimis erspart geblieben: Sie muss nichts beweisen (außer das, was in jedem Fall zu beweisen ist: Wer der Täter war). Endlich mal keine Werbeträgerin in schwarzem Lederjäckchen, keine Emanzipationstransporteurin, sondern eine junge Frau wie Hunderttausende, verliebt, unbeherrscht, schlampig, manchmal mit Migräne, immer mit Intuition und scharfem Verstand. Kein erhobener Zeigefinger, nirgends!

Und das Buch ist eben auch keine verquaste Rendell-, Christie- oder Chandler-Imitation. Und kein Regionalkrimi. Obwohl Irrlich, der fiktive Schauplatz von Geiers Zweitling Neapel sehen, in der Pfalz liegt, aber in einer helleren Gegend mit weiten Feldern.