Außer Kontrolle geraten, rast die Straßenbahn auf eine Weiche zu. Auf der links abzweigenden Spur arbeiten fünf Männer, rechts nur ein einziger. Im Führerhaus steht Catherine Adams vor einer schrecklichen Wahl: Unternimmt sie nichts, schwenkt der Waggon nach links und überfährt unaufhaltsam die fünf Eisenbahnarbeiter. Legt sie einen Hebel um, erwischt es den einzelnen auf dem rechten Gleis. In Sekundenbruchteilen muss Adams die makabre Frage beantworten: Soll sie die Richtung wechseln, um den Tod der fünf Arbeiter zu verhindern?

Zum Glück ist die Situation nur ausgedacht - Teil eines ungewöhnlichen Experiments. Die Studentin Catherine Adams steht nicht wirklich im Führerhaus, sondern steckt in der Röhre eines Kernspintomografen. Dort soll sie sich das Entscheidungsdilemma möglichst plastisch vorstellen. Die Forscher am Center for the Study of Brain, Mind and Behavior im amerikanischen Princeton wollen damit herausfinden, wie das Gehirn versucht, ein solches moralisches Problem zu lösen.

Studienleiter Joshua Greene, von Hause aus Philosoph, steht im Nebenraum hinter einer Glasscheibe und beobachtet seine Versuchsperson. Während Catherine Adams überlegt, nimmt der Kernspintomograf Schnappschüsse ihrer Gehirntätigkeit auf. Die Maschine sendet elektromagnetische Wellen aus, die, von Körperzellen reflektiert, millimetergenaue Bilder ergeben. Bei jeder Aufnahme rumort es in der Magnettrommel. Schließlich entscheidet sich die Studentin: "Ja, Abbiegen ist gerechtfertigt."

Emotionen leuchten gelb und rot

Nach einer kurzen Pause konfrontiert Greene sie mit einer Variante des Falls - diesmal steht Adams auf einer Fußgängerbrücke, die die Schienen überspannt.

Von der einen Seite rollt eine führerlose Trambahn immer schneller heran. Auf der anderen Seite steht eine Gruppe von fünf Gleisarbeitern. Um diese zu retten und den Lauf der Bahn zu beeinflussen, müsste die Studentin diesmal einen neben ihr stehenden vierschrötigen Mann hinunter auf die Gleise stoßen.

Würde sie das tun? Die Antwort kommt prompt: "Nein!"