Am Abend liest sie etwas über den Tod. Zehn fremde Tode neben dem eigenen. Ein regelrechtes Lese-Massensterben. Dabei braucht so ein Tod doch Zeit, rein literarisch gesehen. Jan Koplowitz sagt nichts. Er ist nicht eingeladen. Dabei hat er ein Buch geschrieben, das Bestattungskosten heißt, und über dem ersten Kapitel steht die Frage: Was kostet das Sterben? Jan Koplowitz kommt darin zu dem Ergebnis, dass das Sterben viel zu teuer ist.

Ein Arzt hatte ihn vor langer Zeit unter akut suizidgefährdet eingeordnet.

Offenbar wusste dieser Arzt nicht um den Hauptvorteil der literarischen Existenz: Dichter brauchen sich nicht umzubringen, sie können darüber schreiben.

Elfriede Brüning ist 90 Jahre alt, Jan Koplowitz ist 92. Woraus man ersieht: Suizidgefährdete leben länger. Eigentlich aber sind beide überhaupt keine Spezialisten für Untergänge. Morgenröte statt Abendröte! Elfriede Brüning und Jan Koplowitz sind die beiden letzten Mitglieder des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. Übrig geblieben vom literarischen Begrüßungskomitee einer neuen Zeit. Der Dichter Johannes R. Becher, später DDR-Kulturminister, hatte es 1928 gegründet - zwischen zwei Morphium-Entziehungskuren.

Der schlesische jüdische Hotelierssohn Koplowitz und die Berliner Arbeitertochter Brüning stehen zusammen auf Elfriede Brünings Balkon am Spittelmarkt und sehen - den Berliner Dom. Ein unbedingt proletarisch-revolutionärer Anblick ist das nicht. Elfriede Brünings Wohnzimmer ist auch kein bisschen proletarisch-revolutionär eingerichtet.

Eher revisionistisch. Ausweichlerisch geschwungene Stuhl- und Tischbeine ohne festen Standpunkt. Elfriede ist natürlich die Berühmtere, sagt Koplowitz - um sofort von sich zu sprechen. Alttestamentarische Propheten sind so. Das weiße Haar. Der Bart. Alles stimmt. Und das Alter ja nun auch fast. Nur der Ton nicht.

Alttestamentarische Propheten bevorzugen die Kommunikationsform des Donnerns, Kommunisten an sich auch, Koplowitz aber ist viel leiser, sanft beinahe.