Er könnte der Klassenbeste sein", sagt der Klassenlehrer, "aber eine Eins hat er nur in Sport und Religion."

"Ich lerne nicht gern", sagt Tomek, "das liegt mir einfach nicht." Lieber wirft er den Ranzen nach Schulschluss in die Ecke und haut ab. Im Sommer zum See, im Winter oder bei Regen zu einem Freund. Oder er hockt sich vor den Fernseher. Oft hockt aber schon der Vater davor. Vor knapp zwei Jahren holten sie den an der Grenze in Frankfurt/Oder aus dem Zug und schickten ihn zurück nach Polen. Seitdem fährt Vater nicht mehr von Dienstag bis Sonntag nach Berlin, um als Küchenhilfe in einem Lokal zu arbeiten. "Es ist dumm", sagt Tomeks Mutter, "dass er es nicht wieder versucht." Denn er hat kein "Bärchen" im Pass, keinen Stempel, der ihm die Einreise unmöglich machen würde.

Als Vater noch Arbeit hatte und noch nicht trank, besuchte ihn Tomek in Berlin und bekam einen adidas-Anzug, den er bis heute trägt

Vater kaufte sich ein Auto und Mutter ließ eine Zentralheizung im Haus einbauen. Jetzt leben alle vier Familienmitglieder von den 740 Zloty (370 Mark), die Mama für Schichtarbeit im Lebensmittelgeschäft bekommt. Tomek durfte am Schuljahresende nicht einmal mit auf den Klassenausflug an die Ostsee, obwohl seine Kosten von der Gemeinde getragen wurden - das Familienbudget hätte nicht einmal für ein Taschengeld gereicht.

"Ich habe Angst", sagt Tomek, "dass sie uns den Strom abschalten. Dann kann ich keine Musik mehr hören und kein Fernsehen mehr sehen." Was macht er dann?

Tomek hat keine Lust zu lesen. Lieber sitzt er an einem Steg am See, schaut den Fischern zu und denkt nach. Denkt an den lieben Gott, den er bitten möchte, dass schönes Wetter bleibt und er nicht im Hause beim Vater bleiben muss. Denkt an die Schule, wo er keine Dummheiten mehr machen möchte. "Denn das", sagt Tomek, "gibt nur Ärger."

Hat er hat sich an Raufereien auf dem Schulhof beteiligt? Tomek nickt. Er hat auch mitgemacht, als sich die Schüler beim Malunterricht gegenseitig bewarfen und mit Farbe beschmierten. Und er hat geschwänzt. Zweimal wohl einen ganzen Tag und manchmal wohl eine Stunde. Eigentlich aus Angst. Weil er sich auf den Test nicht vorbereitet hatte. Dann wurden die Eltern zur Schule gerufen.