Roger treibt sich seit Wochen in Algeciras herum. Dubi zog erst auf einer von Rauchschwaden verhangenen Mülldeponie bei Casablanca ein, entschied sich dann aber anders. Er gastiert jetzt auf einem Pferdegestüt des marokkanischen Königs. Schwierig ist die Verfolgung von Ciconia. Er flog über einen anderen Pass als die übrigen Senderstörche und schwenkte südlich des Hohen Atlas scharf nach Südosten. Der am Vogelkörper mit Teflonband festgezurrte Sender verrät, dass sich Ciconia nahe der Grenze Marokko/Algerien aufhält. In Westafrika wagte sich Bruno ins Niger-Binnendelta hinein. Auf der Ostroute ist Kasimir noch immer im Osttschad, Pumpi will in Khartum übernachten.

Das Online-Tagebuch von Holger Schulz verrät: Es ist nicht leicht, 28 Vögel zu verfolgen. Der Norddeutsche ist Leiter von S.O.S. Storch. Das Vogelschutzprojekt möchte herausfinden, warum nur zehn Prozent der aus der Schweiz ausfliegenden Jungvögel dorthin wieder zurückkehren - und woran die anderen scheitern. Mitarbeiter folgen den "besenderten" Störchen mit dem Auto in die Winterferien. Schulz ist kurz vor Gibraltar. Nun ist eine neue Schwierigkeit dazugekommen: die Weltlage. Sollte Amerika Afrika angreifen (Sudan oder Libyen), könnte es gefährlich werden, die Verfolgung nach Mauretanien aufzunehmen. Schulz, der "keine Forschung im Elfenbeinturm" betreiben will, ist entschlossen, es den Viechern gleichzutun und unbekümmert über islamisches Gebiet nach Süden zu ziehen. Aber er halte "die Ohren schon offen", verrät Schulz am Handy.

Weißstörchen auf den Fersen zu bleiben ist ohnehin kein Zuckerschlecken. Im Süden Marrokkos müsse man 20 Kilometer durch vermintes Gebiet", sagt Schulz, "da müssen Sie zentimetergenau in der Spur bleiben."

Sicherer ist die Störcheverfolgung am Bildschirm: www.sosstorch.ch. Jeder Vogel hinterlässt via Global Positioning System auf den Kärtchen der Website seine Spur. Aber auch da wird man Zeuge dramatischer Zwischenfälle. Ein schwarzes Kreuz neben dem Namen Pfäffi bedeutet nichts Gutes. Mehr weiß das Tagebuch von Schulz. Er und seine Mitarbeiter versuchen stets, vor Ort zu ergründen, warum ein Sender verstummt ist - oder sich nicht mehr bewegt.

Eintrag 28. August 2001: Pfäffi wird "tot aufgefunden (Foto 42) - auch diesmal wieder genau unter einem Mittelspannungsmasten (Foto 43)". Erich hatte es sechs Tage zuvor erwischt.

Nicht immer lässt sich die Todesursache eruieren. In Reih und Glied sind auf der Storch-Site Vermisstenmeldungen und Schicksale aufgelistet. So starb Dominique "an einem Freileitungsmast den Stromtod". Genauso Sarah und Fürio, und Gantenbein verendete an einer von Maden befallenen Wunde, die "von einer Kollision mit einem Weidezaun oder einer Stromleitung" herrührte. Der Friedhof lässt keinen Zweifel, welches die häufigste Todesursache ist.

Gefährlich, diese modernen Zeiten.