Wenn es eine Rhetorik des Bewegens gibt, dann gehört Sasha Waltz nicht zu den Schönrednern. Weder schwülstige Metaphorik noch deklamatorischer Pomp sind ihre Stilmittel. Trotzdem ist ihre choreografische Sprache nicht ohne Verspieltheit. Am ehesten möchte man Sasha Waltz eine Virtuosin der Klarheit nennen. Ihre Tänzer wirken selten so, als zitierten sie antrainierte Stilfiguren. Was auf der Bühne geschieht, wirkt auf souveräne Art improvisiert: wie die einzig richtige Antwort auf den jeweiligen Moment.

Deshalb war auch ihre jüngste Premiere wenigstens zu Beginn von hoher Plausibilität. Für 17-25/4 [Dialoge 2001] wurde die Berliner Schaubühne leer gefegt und das Außenrevier des Bauensembles am Lehniner Platz zur Bespielung frei gegeben: Gelegenheit zum Raumgreifen, Platz für Konzentration. Zuerst vor monumentaler, dann vor schlichter Klangkulisse entwickelten sich lakonische Bewegungsformen, andeutend, was sich aus Gehen alles ergeben kann: vorüberhasten, herumirren, ins Gespräch kommen. Sasha Waltz entwirft in Körpersprache verblüffende Äußerungsräume, die mit dem bespielten Raum in Beziehung treten. Der französische Philosoph Michel de Certeau hat beschrieben, wie ein Gehender die bauliche Ordnung der Stadt durch seinen Auftritt verändert. Bei Sasha Waltz sehen wir, wie weitläufig die Möglichkeiten der Veränderung sind. Leider funktioniert dieser Dialog nur innerhalb des Theaters. Draußen, vor den Fassaden, verplaudert sich Sasha Waltz. Vielleicht weil sie die totalitäre, suggestive Rhetorik nicht beherrscht, mit der man im schwerfälligen urbanen Raum operieren müsste.