Unendliche Sorge quält mich in diesen Tagen. Nachts kann ich nicht schlafen, ich bin von Angst wie eingeschnürt. Ich habe großes Mitleid mit den Opfern in Amerika und denke gleichzeitig an das afghanische Volk. Schon die Vorstellung ist die reine Hölle: die größte Macht der Welt gegen mein zerstörtes Land. Was wird mit der Zivilbevölkerung geschehen? Die Menschen haben in Jahrzehnten des Krieges schon fast alles verloren. Viele wurden getötet, die Hälfte der Afghaner ist auf der Flucht. Die Zurückgebliebenen, vor allem die Frauen, werden von den Fundamentalisten drangsaliert. Das afghanische Volk kann noch mehr militärische Gewalt nicht ertragen. Es würde seine Vernichtung bedeuten.

Bevor ich 1989 in Deutschland um Asyl bat, war ich Journalistin und redigierte die monatlich erscheinende afghanische Frauenzeitschrift Dousti (Freundschaft). Die Rechte der Frauen standen im Mittelpunkt unserer Berichte, außerdem die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse. Ich war im Vorstand der 1966 gegründeten Demokratischen Frauenorganisation, um politisch gegen Fundamentalismus und religiösen Fanatismus zu kämpfen. In dem feudalen System Afghanistans galt nur das Wort der Männer die Frauen hatten, von einer winzigen Minderheit in der Stadt abgesehen, keine Rechte. Ein Mann konnte seine Frau verstoßen, ohne dass sie überhaupt gefragt wurde. Die Kinder gehörten nach der Scheidung ihm. In den siebziger Jahren erhielten Frauen das Wahlrecht, eine Frau saß sogar im Parlament, aber erst der massive Kampf gegen den Analphabetismus in den Achtzigern bot den Frauen Bildungschancen. Wir durften reisen. Wir konnten einen Beruf ausüben und bürgerliche Rechte wahrnehmen. Am Ende waren 40 Prozent der Beschäftigten im öffentlichen Dienst Frauen.

Wir Frauen im Exil sorgen uns um unsere Schwestern in Afghanistan. Es lastet auf unserer Seele, dass Afghaninnen Hunger leiden, psychisch krank werden, sich umbringen, weil sie Gefangene in ihren Häusern sind und nicht einmal das Brot für ihre Kinder verdienen dürfen. Sie werden in der Öffentlichkeit und vor den Augen ihrer Kinder erschossen, wenn sie gegen die Regeln verstoßen.

So wurde kürzlich in einer Sporthalle mit einer Frau kurzer Prozess gemacht, weil sie angeblich ein uneheliches Verhältnis hatte. Wie oft haben wir im Exil schon gegen dieses ungeheuerliche Regime protestiert. Resonanz bekamen wir höchstens von Hilfsorganisationen.

In den vergangenen Jahren haben die Taliban die politischen, gesellschaftlichen, kulturellen Institutionen und Strukturen Afghanistans vernichtet. Sie predigen den Terrorismus, aber das erste Opfer ihres Fanatismus ist die eigene Bevölkerung. Daher mein Appell an Amerika: Von einer Militäraktion, die sich gegen den Terrorismus richtet, muss die Zivilbevölkerung verschont bleiben. Das Leid der amerikanischen Opfer kann nicht mit dem Leid anderer Unschuldiger getilgt werden.

Najba Hotary, 48, ist Vorsitzende des Afghanischen Frauenvereins in Hamburg.

Ein offener Brief der Organisation an George W. Bush ist nachzulesen unter www.zeit.de/2001/39/appell Aufgezeichnet von Antonella Romeo