Früher, als über die Welt noch Witze gemacht wurden, und noch viel früher, als es normal war, dass in Polen jüdische Schneider lebten, kam eines Tages ein Ingenieur in ein polnisches Städtchen und bestellte beim jüdischen Schneider eine Hose. Bevor die Hose fertig wurde, reiste der Ingenieur ab.

Jahre später kehrt er zurück, da bringt ihm der Schneider die Hose.

Ingenieur: "Gott hat die Welt in sieben Tagen erschaffen, und Sie brauchen sieben Jahre für eine Hose!" Der Schneider streicht zärtlich über die Hose: "Ja. Aber schauen Sie sich die Welt an - und dann schauen Sie auf diese Hose!" Im jüdischen Witz hat der Zweifel des Menschen an Gott und der Welt und folglich auch an sich selbst so prägnanten Ausdruck gefunden, dass mitunter der gesamte Skeptizismus in diesem komischen Kleinformat aufgehoben scheint. Zwar heißt auch im Judentum Glauben: nicht zweifeln. Doch hier gehört der Zweifel traditionell zur Selbstvergewisserung statt nur zur apologetischen Selbstbehauptung oder zum polemischen Angriff auf eine andere Konfession.

Deshalb lässt E. L. Doctorow in seinem neuen Roman eine Rabbinerin über die zivilisierende Kraft des Zweifels dozieren: Den wahren Gläubigen, gleich welcher Prägung, habe Gott immer als Freibrief zum Töten gedient. Jede feste Überzeugung im Hinblick auf Gott in der Schwebe zu halten gewährleiste, "dass man in seinem Geiste wandelt".

Verborgene Utopie

City of God nennt Doctorow den Roman nach der letzten altkirchlichen Apologie, die Augustinus im fünften Jahrhundert zur Verteidigung des Christentums schrieb. De Civitate Dei, im Deutschen Über den Gottesstaat, wird jedoch im Englischen anspielungsreicher übersetzt mit City of God. Also liefert uns der amerikanische Schriftsteller mehr als nur moraltheologische Polemik, nämlich einen Stadtroman, der am Beispiel New York die ganze Welt zu fassen versucht

einen Ideenroman im besten Sinne, der keine Überzeugung bebildern, sondern Weltanschauung diskutieren will - religiöse ebenso wie politische, naturwissenschaftliche, poetische, erkenntnistheoretische. Diese Dimension bestimmt die Verschiedenheit der Sprechweisen: Es muss erzählt werden und erklärt, gedichtet und philosophiert.