die zeit: Die Nato hat nach den Terroranschlägen in New York und Washington den Bündnisfall erklärt. Sie haben ihre Skepsis angemeldet. Halten Sie das Vorgehen der Nato für falsch?

Antje Vollmer: Wenn die USA uns in einer solchen Situation bitten, den Bündnisfall zu erklären, haben wir keine Möglichkeit abzulehnen. Ich habe mich in der Fraktion enthalten, weil ich ankündigen wollte, dass ich militärischen Konsequenzen, die sich aus der Erklärung des Bündnisfalles ergeben, auf keinen Fall zustimmen werde.

zeit: Bedeutet das, dass Sie eine militärische Antwort auf den Terrorangriff prinzipiell ablehnen?

Vollmer: Ich sehe den riesigen Erwartungsdruck der amerikanischen Gesellschaft auf ihre Regierung, diese fundamentale Verletzung zu vergelten.

Aber wenn ich mir nüchtern überlege, ob es irgendeine militärische Vorgehensweise gibt, die diese Form des Terrorismus entscheidend schwächt, dann sage ich: Nein, leider nicht. Statt mit martialischer Rhetorik Vergeltungserwartungen zu bedienen, muss sich die Politik ehrlich machen. Sie muss sagen, dass wir eine ganze Zeit lang mit dieser Bedrohung leben müssen, dass aber zugleich die Kräfte aufgebaut werden, die mit solchen terroristischen Sekten fertig werden können. Gleichzeitig bedarf es einer neuen, international koordinierten Außenpolitik, die den Nährboden aus Ohnmacht, Verzweiflung und Demütigungen zu beseitigen beginnt, der diesen Sekten ihren Nachwuchs zuführt. Ich sehe keine schnelle, erfolgversprechende militärische Lösung.

zeit: Sie scheinen damit eine Mehrheitsstimmung auszudrücken. Aber heißt das nicht doch, die Amerikaner vorzuschicken?

Vollmer: Dieser Verdacht trifft nur dann zu, wenn man glaubt, dass es militärische Mittel zur Lösung des Problems gibt und dass die USA das jetzt für uns erledigen sollen. Ich bin vom Gegenteil überzeugt: Die militärische Reaktion fördert das Entstehen von neuem Terrorismus. Ich sage nicht, wir sollen uns heraushalten, sondern ich wünschte, die Amerikaner würden die völlige Erfolglosigkeit eines solchen Vorgehens berücksichtigen - siehe das Beispiel der Russen in Afghanistan und Tschetschenien.