Du wirst arbeiten, du wirst heiraten, aber du darfst dich nie unterdrücken lassen. Jetzt ist Özlem Bühnenbildnerin, eine selbstständige junge Dame, die abends ausgeht und ihre Freunde mit nach Hause bringt. Die Worte ihres Vaters hat sie nicht vergessen. Er war ein guter Mann, weil er Özlems Mutter nicht schlug. Er war unkonventionell, weil er akzeptierte, dass seine Frau arbeiten ging. Deren Mutter ist noch eine Familienfrau mit Kopftuch, die das Haus fast nie verlässt. Dennoch sind die drei Istanbulerinnen mit den radikal verschiedenen Lebensformen ein Herz und eine Seele. Die alte Asiye, die kaum was lernen durfte, sah die neue Zeit heraufziehen und half Töchtern und Enkelinnen hinein. Eine zärtliche, verschwörerische Solidarität unter Frauen bricht der Moderne in Istanbul Bahn. Atatürk war wichtig - aber ohne starke Mädels läuft nichts. Zumal die Entwicklung stockt. Immer noch fühlen die Männer sich überlegen. Grundlos, findet Özlem. Beim Fernsehen, wo sie arbeitet, regiert schon längst Ladyboss. Die BR-Reihe Mit den Augen der Frauen zeigt Dokus mit Heldinnen aus Macho-Zonen wie Sizilien und Nordirland. Evelyn Schels drehte Asiye und ihre Töchter mit Ruhe, findigen Einstellungen, diskreter Patinierung, gefühlvollen Großaufnahmen und einem bemerkenswerten Gespür für Rhythmus. Parenthesen zur Geschichte des Landes sorgten für die nötige Nachhilfe, um die gegenläufigen Lebenswege von drei Frauen aus drei Generationen zu verstehen. Der Rest war die reizvolle Unmittelbarkeit der Türkinnen, deren direkte Rede so lebensvoll und drastisch wie skeptisch und elegisch klang.

15.9., 22.45 Uhr, BR Asiye und ihre Töchter