Thabo Mbeki macht seinen Job ganz gut, aber..." Stirnrunzeln, kurzes Zögern. "Meiner Ansicht nach liegt unser Präsident bei Aids falsch. Weil er die Medizin nicht legalisiert, die das Leben vieler Menschen verlängern könnte. So bleiben den HIV-Infizierten höchstens fünf Jahre, dann sterben sie." Man glaubt, einem Mediziner zuzuhören. Oder einem Sprecher der südafrikanischen Opposition. So bedächtig wägt Achona die Worte, so druckreif sind seine Sätze, die er mit eindringlichen Gesten unterstreicht. Das will alles nicht zu der kargen Kammer passen, zur verlegenen Mutter auf dem Sofa neben ihm und schon gar nicht zur Welt da draußen.

Die Township Langa ist einer der ältesten schwarzen Slums, die die Apartheid vor den Toren Kapstadts hinterlassen hat. Man sieht Hütten aus Sperrholz und rostigem Wellblech, schlammige Wege, keinen Baum, dafür kranhohe Lichtmasten, die an die Beleuchtung von Gefängnishöfen erinnern. "Man macht sich so seine Gedanken, wenn man hier lebt," sagt Achona. "Jeder kennt jemanden, der Aids hat. In der Schule debattieren wir oft darüber." Achona wohnt mit Mutter, Tante und Cousin in einer Mietskaserne. Zwei Zimmer, Strom, Wasser, Spülklosett - das ist schon Luxus in Langa. Er geht in die Junior Secondary School in Woodstock, eine bessere Schule am Rande des weißen Stadtzentrums. Der Nachteil ist, dass er frühmorgens schon um halb sechs raus muss.

Achona, das kommt aus der Sprache Xhosa und bedeutet ungefähr: Das habe ich. Das ist mir geblieben, als der Vater davonlief: ein Sohn. "Irgendwann", sagt Achona, "wenn ich genug Geld habe, werde ich meine Mutter aus der Township herausholen." Nach Oranjezicht oder Tamboerskloof, in die wohlhabenden Viertel von Kapstadt. Seine Mutter arbeitet dort als Hausangestellte. Wenn er sie manchmal nach der Schule besucht, spaziert er gerne herum zwischen den viktorianischen Villen. Neid oder gar Hass auf die reichen Weißen, die darin wohnen, hat er noch nie verspürt. "Die Ungleichheit kommt von der Apartheid. Aber nichts dauert ewig."

Der größte Held? Blöde Frage. Nelson Mandela, natürlich. "Der hat unsere ganze Nation verändert." Danach kommt gleich Jabu Pule, der Torjäger der Kaizer Chiefs, seines Lieblingsfussballclubs aus Johannesburg. Dicht gefolgt von den Chicago Bulls und Michael Jordan. Die Rapper Jay-Zee und Puff Daddy, alle coolen, erfolgreichen Schwarzen aus Harlem - das sind die Lichtgestalten der Kids von Langa. Am liebsten möchte Achona Filmschauspieler in Los Angeles werden. "Wie Chris Tucker oder Jackie Chan." Und Afrika? "Na ja, ein Haus in Hollywood und eines am Kap, das wär's." In Afrika sind schließlich die Ahnen. Und die alten Bräuche. Obwohl etliche ziemlich out sind. Die Beschneidung zum Beispiel. "Das ist gefährlich. Manche Jungs sterben sogar daran." Und Lobola, der Brautpreis? "Man kann doch nicht eine Person kaufen!" Aber zugegeben, mit den Mädchen ist es nicht einfach. "Viele schauen nur aufs Geld und auf schicke Kleider." Er will sich einmal eine suchen, "die innen und außen schön ist".

Achona legt die Schuluniform ab, die preussischblaue Krawatte und den erzbritischen Blazer, dann zeigt er uns die Nachbarschaft. Die überschwemmte Straße, die nach drei Regenwochen einem Fischweiher gleicht. Das windschiefe Holzgerüst, auf dem Frauen gerade das Fleisch von einen Ochsenschädel schaben. Den froschgrünen Container mit dem illegalen Bierausschank. "Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht Schüsse höre." Die Haupttodesursachen junger Männer in Langa neben Aids ist Mord. Manchmal hat Achona Angst. Er hat auch schon einmal überlegt, ob er selber Tsotsi, Gangster, werden solle. "Du gehörst zu einer Bande und hast Macht. Aber irgendwann landest du im Knast." Was Achona gegen die Jugendgewalt tun würde? "Gute Schulen sind das Allerwichtigste, Spielplätze, Fußballfelder."

Und natürlich Rugbyplätze. Der Nationalsport der weißen Südafrikaner ist auch Achonas Leidenschaft. Er spielt Stürmer, und man kann sich lebhaft vorstellen, wie seine bullige Gestalt die Abwehrlinien durchbricht. Die anderen Teams kommen auch aus den Townships Crossroads, Nyanga oder Kayelitsha. Die meisten Weißen wollen nicht gegen Schwarze spielen. Die Vision von einer Regenbogen-Nation, in der alle friedlich zusammenleben, ist noch fern. Aber: "Nie die Hoffnung aufgeben!", sagt Achona. "Träume träumen. Irgendwann werden sie wahr!" Ein Regenbogen schillert über Langa. Als hätte er ihn bestellt.