An unserer Schule bin ich der Einzige, der Golf spielt", grinst Yang Yuxuan stolz. Seit September besucht er die erste Mittelschulklasse in Peking, und es ist "ein tolles Gefühl, etwas zu tun, das kein anderer tut". Die individuelle Identitätsuche in der chinesische Masse ist schwierig; China zählt allein zweihundert Millionen Schulkinder. Doch Yang hat Glück gehabt: Sein Vater, ein ehrgeiziger Verleger, der mit der Übersetzung amerikanischer Bestseller in China sein Glück versucht, hat einen reichen Freund, der einen Golfplatz besitzt. So darf Yang seit einiger Zeit jedes Wochenende den Schläger schwingen. "Einmal habe ich den Ball hundert Meter weit fliegen lassen", freut sich der Junge über sein Neureichenglück.

Wie anders würde es ihm heute ergehen, wäre er im Fischerdorf seiner Mutter geblieben! Sie stammt von der südchinesischen Insel Hainan, wo Yang bis vor zwei Jahren in Abgeschiedenheit und Armut von der ländlichen Grossfamilie aufgezogen wurde. Eine Tante war seine Pflegemutter. Dann aber landete der Vater mit einem Buch über gesunde Ernährung einen Verkaufshit und konnte von dem Geld endlich seine Familie zu sich nach Peking holen. Dort wohnt Yang nun mit beiden Eltern in der ehemaligen Wohnung eines Professors der Erdöluniversität, die vor zehn Jahren noch als luxuriös gegolten hätte - heute ist der alte sozialistische Baustil kaum noch vorzeigefähig.

Für Yang war es trotzdem ein Umzug von der Dritten in die Erste Welt. Zum ersten Mal bekam er ein eigenes Zimmer mit Bett, Bücherregal und einem kleinem Schreibtisch, über dem jetzt eine Weltkarte hängt. Jetzt hatte er einen Computer und konnte den ganzen Tag Red Alert spielen. Monatelang tat er nichts anderes. Zum Entsetzen seiner Mutter: "Ich konnte nicht begreifen, dass die Kinder schon so früh lernen, mit Atomwaffen zu scherzen", erklärt die ehemalige Fernsehmoderatorin aus der Provinz. Mit leichtem Heimweh denkt sie an die Zeit zurück, als ihr Sohn noch die meiste Zeit am Strand des südchinesischen Meeres herumtobte.

Doch inzwischen ist aus dem braven Landkind eine aufgeweckte Großstadtpflanze geworden. Längst hat der Computer für Yang seine Anziehungskraft als Lebensmittelpunkt verloren. In der Schule spielt er nun jeden Nachmittag eine Stunde Basketball. "Kennen Sie Wang Zhizhi?" fragt er und schaut auffordernd. Wang ist der erste Basketballspieler aus der Volksrepublik, der für ein Profi-Team in den USA spielt. Natürlich kennt Yang die Namen des gesamten amerikanischen Teams.

Die Mutter gibt es im Bewusstsein elterlicher Ohnmacht in Zeiten der Pubertät lächelnd zu: Ihr Junge hat sich amerikanisiert. Besser gesagt globalisiert, denn er hat auch noch andere Vorlieben: Harry Potter aus England mag er und die japanische TV-Serie Berühmte Detektive, und auf die Bitte, seinen Lieblingssong zu spielen, ertönt Beethovens Eroica. Die Eltern wussten erst nicht, was das für Musik war. "Ich habe die CD in der Schule gehört und fand sie gut", erzählt Yang. Seine Klassenkameraden hätten die gleichen Interessen. Und Yangs Lieblingsessen ist nicht der Big Mac, es bleibt Schweinefleisch süßsauer.

In Wirklichkeit kommt das Verlegerkind auch weniger mit dem weltläufigen Golfspiel groß raus als mit einer durchaus landesüblichen Qualität: Yang kann gut schreiben. Seine Chinesisch-Lektion beherrscht er immer noch besser als alles Andere: "Wenn man schöne Schriftzeichen malen kann,erkennt jeder sofort, wie gut man ist. Das ist wichtiger als Sport", so referiert Yang artig die traditionelle chinesische Erziehungsauffassung.

Neben dem einsamen Harry Potter stehen mehrheitlich Kung-Fu-Romane, in denen "die Banditen den Armen helfen und gegen die Reichen kämpfen. Das war in China früher so". Die berühmten Sagen hat er alle von seinem Vater gelernt. Ihm folgt er nicht nur literarisch, sondern auch politisch. "Momentan lässt sich das System in China nicht ändern", meint Yang mit coolem Blick. "Aber eines Tages wird China genauso stark wie Amerika sein." Deshalb freue er sich schon heute "auf den Rücktritt von Jiang Zemin".