Vor allem als Rotkäppchen hat Luise auf diversen Geburtstagspartys Schauspielerfahrung schon gesammelt: »Immer in andere Rollen zu schlüpfen würde mich an diesem Beruf so reizen. Dass ich mich jederzeit als 44-jährigen Mann ausgeben könnte, gefällt mir auch beim Chatten im Internet gut. Niemand würde es merken!« Meist aber gibt sie sich im Harry-Potter-Chatroom doch als das Mädchen zu erkennen, das sie ist. Wohl auch, weil sie mit ihrem Leben gerade ganz zufrieden ist.

Zwar findet sich Luise zu dünn, und ab und zu streitet sie mit ihren Eltern, weil die immer genau wissen wollen, wo sie ist und wann sie nach Hause kommt, und nie Lust haben, die Tochter am späten Freitagabend von der Schuldisco abzuholen. »Aber im Vergleich zu den Kindern in der restlichen Welt geht es mir doch sehr gut. Als ich zum Beispiel die Bilder aus New York gesehen habe, das war total schlimm. Ich habe auch ein bisschen geweint, weil so viele Menschen umgekommen sind. In der Schule hatten wir eine Gedenkminute.« Am schlimmsten fand Luise, »dass manche Leute in Palästina gejubelt haben. Oder wenn ich mir vorstelle, wie Mädchen in meinem Alter im Kosovo leben, dann weiß ich zwar, dass die durch den Krieg schon viel mehr erlebt haben und reifer sind als ich. Aber tauschen möchte ich nicht.«

Luise hat eine klassische Ostberliner Adresse, sie wohnt in der Schönhauser Allee. »Ich könnte nicht irgendwo auf dem Land leben, wo man erst einmal eine Stunde lang fahren muss, um sich die Bravo zu kaufen.« Sie besucht ein Musikgymnasium in Friedrichshain, dorthin fährt sie jeden Morgen mit der UBahn, gemeinsam mit ihrer besten Freundin Steffi, die sie am Alexanderplatz trifft.

Obwohl Luise selbst noch als DDR-Bürgerin zur Welt kam, spielt es für sie keine Rolle, wer von ihren Mitschülern Ossi oder Wessi ist. »Ich habe meine Eltern neulich mal gefragt, wo sie in der Nacht waren, als die Mauer fiel. Aber sonst interessiert mich die ganze Geschichte nicht weiter.«

An die DDR-Zeit erinnert in ihrem Zimmer nur noch ein ungeschlachtetes Sparschwein mit Ostgeld. Es ist ein Souvenir aus der alten Wohnung, wo sie als Baby allein mit ihrer Mutter wohnte - bevor sich die beiden »eine neue Familie gesucht« haben. »Mein neuer Vater heißt Pepper. Das Wort 'Stiefvater' mögen wir gar nicht, schließlich leben wir schon seit über elf Jahren zusammen. Pepper hat mich adoptiert, und mit meinem Bruder sind wir jetzt eine ganz normale Familie. Meinen richtigen Vater würde ich gerne öfter sehen, aber der hat immer so wenig Zeit.«

Beide Eltern arbeiten freischaffend - sie als Theaterfotografin und Kostümbildnerin, er als Medientechniker. »Sie kommen oft spät nach Hause, deswegen bin ich abends manchmal mit meinem Bruder allein. Der ist erst acht. Wir kommen so einigermaßen miteinander aus, obwohl er mich jeden Sonntagmorgen weckt, um in meinem Zimmer Nintendo zu spielen«, sagt Luise. »Wenn ich uns beide so ansehe, dann weiß ich ehrlich gesagt nicht, ob ich selbst später mal Kinder haben will. Für Eltern ist das nämlich ganz schön anstrengend! Aber allein möchte ich auf keinen Fall leben. Mit meiner Freundin, das könnte ich mir gut vorstellen. Nach der Schule gehe ich zuerst für ein Jahr als Au-pair-Mädchen nach Paris.«

Luise hat einen Schrank und eine Kommode voller Kleider, Hosen und T-Shirts, von denen viele so aussehen wie die Sachen, die ihre Mutter als Teenager getragen hat. »Schon lustig, dass wir beide die gleichen Sachen gut finden: Batik, Schlaghosen - und auch die Beatles oder Respect von Aretha Franklin.« Von ihrer Mutter, aber auch in der Schule hat Luise gehört, dass sich seit damals vor allem in Sachen Gleichberechtigung einiges verbessert hat. Heute, meint sie, würden Mädchen manchmal sogar bevorzugt: »Weil es mehr Lehrerinnen gibt, und die können sich in Mädchen besser wiedererkennen.«