Priya war das Wunschkind. Siddarth, der fünf Jahre ältere Bruder, war "irgendwie plötzlich da", sagt Frau Srinivasan, obwohl sie und ihr Gatte bei der Heirat vereinbart hatten, keinen Nachwuchs zu zeugen; Kinder gebe es genug in Delhis Straßen, Waisenhäusern, Slums. Siddarth wollte aber unbedingt eine Schwester, und als ihnen Priya, einige Monate alt, aus der Krippe im Findlingsheim Palna entgegenlachte, war der Wunsch erfüllt. Zwölf Jahre später teilen sich die Geschwister immer noch dasselbe Zimmer. Die Wohnung im obersten Stock eines Appartementblocks am Südrand von Delhi ist klein und eng, aber die Beiden wollen auch gar nicht auseinanderziehen. Als die Mutter vor drei Jahren mehrere Monate in Bombay eine Krebserkrankung auskurieren musste, war es Siddarth, der Priya jeden Morgen das Haar kämmte und die Kleider bereitlegte.

Siddarths Gitarre ist der einzige persönliche Gegenstand im Zimmer. Zwei Betten, zwei Schränke und ein winziges Pult passen eben noch hinein. Die Wände sind leer, ausgenommen die grossen Wasserflecken, wo die Monsunfeuchtigkeit auf den bröckelnden Gips durchdrückt. Irgendwo hängt noch ein verblichenes Kalenderbild von Krishna, dem Götterkind. Spielzeuge, Geräte, die auf ein Hobby hinweisen würden? "Wo soll ich die Zeit hernehmen?", seufzt Priya mit einem gespielten Augenaufschlag. "Ich tanze doch."

Seit sieben Jahren besucht sie den Bharatnatyam-Unterricht bei Leela Samson, einer der bekanntesten klassischen Tänzerinnen Indiens. Jeden zweiten Tag geht es nach der Schule zu Leela "Akka", das bedeutet Guru, ältere Schwester, Lehrerin und Tante in Einem. Ob sie später Berufstänzerin wird? Das weiss Priya noch nicht: "Ich liebe auch das Theaterspielen, und ich singe ständig, so dass ich meinen Schulkameraden schon auf die Nerven gehe." Eins aber ist sicher: "Ich will berühmt werden", platzt sie heraus und prüft sofort mit einem halb erschrockenen Seitenblick, wie das Geständnis wohl gewirkt hat. "Ich meine, wenn man auftritt auf der Bühne oder im Fernsehen, dann ist man berühmt, nicht?" In Unterrichtsvideos hat Priya schon mitgewirkt, und kürzlich spielte sie in einem Clip ein kleines Mädchen, das über die Ufertreppen des Ganges in Benares hüpft. "Aber irgendwie ist Tanzen schon das Wichtigste. Im Bharatnatyam gibt es ja auch Musik, und es werden Geschichten erzählt." Genausowenig wie sie Spielzeuge braucht oder eine "beste Freundin", denkt sie an Boyfriends, Heiraten, Kinder. "Das lenkt doch nur ab. Schau Leela Akka an - sie hat sogar ihre Ehe aufgegeben."

Priya weiss, dass sie adoptiert wurde, sie geht selbstsicher damit um. In der vierten Klasse, mit acht Jahren - Indiens Kinder gehen früh zur Schule - wurde sie einmal gehänselt, weil sie nicht bei den "richtigen" Eltern lebt. "Da bin ich aufgestanden und habe vor Allen gesagt: Was ist daran Besonderes?" Verletzt hatte es sie schon. Ihr Glück, dass beide Eltern darauf eingingen. Die Mutter arbeitet in einer Adoptionsagentur, der Vater ist Kinderarzt. Ins Findlingsheim gehen sie öfter. "Alle kennen mich in Palna. Ich habe dort auch schon getanzt." Deshalb war sie vor einigen Monaten so erstaunt, dass ihre Klassenlehrerin nichts von ihrer Adoption wusste. Priya hatte einen Aufsatz über das Thema Celebrating the Human Spirit geschrieben, die Lehrerin schlug ihn zum Vorlesen vor der ganzen Schule vor. Als sie mit Priya darüber sprach, erwähnte sie zufällig Palna als Symbol für menschlichen Mut und Opferwillen. "Da komme ich her", platzte Priya heraus. Die Lehrerin fiel aus allen Wolken und fügte dem Aufsatz eine Passage über die "Wohltäter" hinzu, die Kinder adoptieren.

Als Priya dies sah, "da war ich richtig aufgebracht. Es ist ja nicht so, dass nur die Eltern ein Kind glücklich machen. Sie wollten mich ja. Und ich habe ihnen ja auch etwas gebracht." Trotzig liess sie den Aufsatz am Tag vor der Feier zuhause liegen. Zufällig sah die Mutter beim Aufräumen das Heft und ahnte Schlimmes. Sie fuhr sofort zur Schule, wo die Lehrerin in heller Aufregung war und Priya in Tränen. Auf ihr Zureden hin einigten sich die Beiden schliesslich auf einen neuen Schluss - ohne das Wort "Wohltäter". Priya lacht, verlegen und stolz. Dann huscht sie, in Jeans und einer mit Spiegelchen bestickten Bluse, davon. Zwischen Schule, Tanzunterricht und dem Einbruch der Dunkelheit - "ach, meine ängstlichen Eltern!" - bleibt ihr nur eine halbe Stunde, um mit den Nachbarskindern draussen zu schwatzen.