Mascha Gubanowa umwölkt sich. Sie hat über eine Theateraufführung erzählt, bei der sie neulich eine Hauptrolle spielte. Etwas später dann über eine Maus, die hat sie auch mal auf der Bühne dargestellt. Aber eine Maus als Hauptfigur? Unter der Stirn hervor blitzt Mascha dunkel aus blaugrauen Augen und präzisiert: "Eben von der Maus muss die Rede sein, wenn wir hier überhaupt den Begriff ´Hauptrolle' gebrauchen!"

Mascha ist eine Siegerin. Gesiegt hat die Schülerin der siebten Klasse in dem gesamtrussischen Wettbewerb "Begabte Kinder für eine hohe Moral im 21. Jahrhundert". Den ersten Platz besetzte sie in der Sparte: "Junge Künder des Gotteswortes". Um dabei zu gewinnen, braucht man ein ausgezeichnetes Bibeltext-Gedächnis. Frisch von der Leber weg zitiert diese Leseratte aber auch ganze Passagen ihres Lieblingsautors Nikolaj Gogol. Dazu liebt sie "jeweils die positive Heldin aus dem Buch, das ich gerade am Wickel habe." Auf Bitten der Mutter, wenigstens ein Beispiel zu nennen, ächzt das zierliche Kind: "Mami, du hast ja keine Ahnung, wieviel ich lese!" Wenn man dann nachhakt, ob sie zu Hause immer die Wahrheit sage, reagiert Mascha mit rotem Kopf: "Ach woher denn?"

Mascha und ihre zwei Jahre jüngere Schwester Vera besuchen ein "rechtgläubiges" Gymnasium im kleinen orthodoxen Kulturzentrum an der "Sonnigen Strasse" im grünen Moskauer Stadtteil Zarizyno. Auf solche Schulen schicken russische Eltern ihre Kinder nicht nur aus religiösen Gründen, sondern auch, um sie vor schlechten Einflüssen zu schützen; dieses Gymnasium hat zudem pädagogisch einen besonders guten Ruf. Mutter Olga betreut dort die Schüler an den Nachmittagen. Vater Alexander ist Übersetzer aus dem Englischen.

Im engen Kreis zwischen Wohnhaus, Schule und dem Klavierunterricht in der Musikschule fühlen sich die beiden Mädchen scheinbar ausgefüllt. Jedenfalls kommt über ihre Lippen keine Klage darüber, dass sie kaum auf der Strasse spielen und nur selten fernsehen dürfen, von Kinderdiscos und ähnlichem zu schweigen. Sichtlich zur Zufriedenheit der elfengleichen Schwestern tragen die fünf reichhaltigen Mahlzeiten bei, die sie täglich verspachteln, einschliesslich erstem und zweitem Frühstück und dem Gebäck zur Teestunde. Da man ihnen alles vorsetzt, verläuft der Alltag der Gubanow-Mädchen bargeldlos. Auf die Frage, was sie täte, wenn sie eine Million Dollar in einer Lotterie gewänne, antwortet Mascha: "Ich würde sie auf die Bank legen, bis ich besser weiß, was man damit alles anfangen kann."

Der achtstöckige Betonplattenbau, in dem die gläubige Familie wohnt, ist vom Zentrum nicht nur durch 40 Metro-Minuten getrennt, sondern auch durch mehrere Froschteiche und Hühnerställe. In der winzigen Zweizimmerwohnung müssen sich selbst die Ikonen auf Miniaturformat beschränken. Für Geselligkeit bleibt nur der Küchentisch.

Dort zerbricht sich Mutter Olga gerade den Kopf über einen, wie sie findet, "besorgniserregenden" Charakterzug ihrer Ältesten: die Hochbegabte scheut die Konkurrenz. Ihren Aufsatz über "Die Schulen im antiken Athen" hatte eine Geschichtslehrerin ohne ihr Wissen zum gesamtrussischen Wettbewerb eingeschickt. "Danach", erklärt die Siegerin, "musste ich einfach zur Endrunde fahren."

In ihrem Traumberuf, als Lehrerin für Russisch und Literatur, will sie später nur eine Teilzeit-Stelle, um Zeit für ihre Familie zu haben. Ob dazu auch eigene Kinder gehören sollen, weiss Mascha noch nicht. Noch ist sie selbst die Kleinste in ihrer Klasse, kommentiert diesen Umstand aber zuversichtlich: "Hä, hä, wollen wir doch mal sehen, ob das auch so bleibt!"