Graue Wellen wälzen sich aus einer Unendlichkeit von Wasser und Wolken heran. Sie steigen an den Klippen auf und bleiben, bevor sie bersten, einen Moment lang wie festgefroren in der Luft stehen. Über den Klippen weiden Schafe. Hunderte.

Wenn Mairead MacLennan aus dem Fenster blickt, sieht sie die Schafe und die Weiden und das graue Meer. Eine seit Jahrhunderten kaum veränderte Landschaft an der schottischen Westküste, die von hohen Bergen abfällt und sich kurz verflacht, bevor sie über die Klippen ins Meer abbricht. In ihrem Zimmer hat Mairead Simpson-Poster und Bilder von Koalabären aufgehängt. Und ein Foto von einem bärbeißig dreinblickenden Baby. Ihr Name ist gälisch für Margarete. Sie hat drei Schwestern, aber manchmal fühlt sie sich abgeschnitten von der Welt.

Über eine Stunde sitzt sie jeden Morgen im Bus, seit sie auf die Sekundarschule in der nächsten Hafenstadt geht: 50 Kilometer auf einem großenteils einspurigen Sträßlein, das sich in prekären Windungen durch die Berge buckelt. Um zwanzig vor acht fährt sie los, vor fünf ist sie nicht zurück, nach den Hausaufgaben ist der Tag herum. Eine der zwei Altersgenossinnen, mit denen sie Freundschaft geschlossen hat, lebt 40, die andere 80 Kilometer entfernt. Selbst mit ihrer besten Freundin, die noch auf die örtliche Dorfschule geht, kommuniziert sie meist per Brief, weil sie so weit auseinander wohnen. Mairead kennt es nicht anders. Aber ihre Mutter meint manchmal doch, dieses Leben am dünnbesiedelten Rand Europas sei "ein Leben am Rand der Zurechnungsfähigkeit." Maireads Vater ist ein in der Gegend weitbekannter Urtyp, der einmal den Landwirtschaftsminister auf PR-Besuch mit einer nicht aufzuhaltenden Streitrede in die Flucht schlug.

Wenn der Vater die wirtschaftlichen Realitäten seiner Schafzucht aufrechnet, verwirrt man sich schnell in einem agrarökonomischen Gestrüpp, in das kaum ein Hoffnungsschimmer einzudringen scheint. Vor gar nicht so langer Zeit waren 710 Mutterschafe und eine Herde Zuchtböcke ein ansehnlicher Besitz. Draußen beim Schober und um die Schafpferche herum kann man sehen, dass zum Investieren und Reparieren nun schon lange kein Geld und keine Zeit mehr bleiben. Rostende Fahrzeuge wachsen im Gras fest. Die Hauswand ist nur bis auf halbe Höhe geweißelt.

Immer wieder bekommt Mairead bei Gesprächen der Erwachsenen mit, dass die Finanzen auf der Kippe stehen. Sie zählt drei Nebenjobs auf, mit denen ihr Vater hereinzuholen versucht, was die Farm nicht mehr hergibt. Im Sommer fischt er bei Aberdeen, auf der anderen Seite Schottlands, Lachse. (Hier im Westen haben riesige Fischzuchtbetriebe die Wildlachsbestände zerstört.) Manchmal schießt er als gedungener Scharfschütze für die verhassten Zuchten marodierende Seehunde. Im Winter jagt er Hirsche.

Abends und in den Ferien hilft Mairead ihm oft mit den Schafen. Sie fährt auch beim Fischen mit hinaus, oder wenn die jungen Schafe in offenen Booten für die Winterweide auf die der Küste vorgelagerten Inseln gebracht werden. Dann kümmert es sie besonders wenig, ob diese Art Landwirtschaft eine Zukunft hat. Es macht ihr Spaß. Vor allem wegen der Lämmer, "die sind so niedlich." Dass sie geschlachtet werden - nun, das gehört eben dazu: "Ich bin eine Bauerntochter."

In der Küche hängt ein Bild, das Mairead in der Schule gemalt hat. Darauf sieht man einen jungen Menschen, der sich im Schein einer Taschenlampe einen Weg durch die Baumstangen eines dunklen Waldes sucht. Es ist kein angstvolles Bild. Der Lichtkegel ist weit offen, hell, beruhigend. Was das Mädchen viel mehr prägt als die Landwirtschaftskrise ist ihre Familie. Eine festgefügte, ganz altmodische Familie ohne Doppelverdiener und Selbstverwirklichungsnöte. Im Haus ist die Mutter "Boss." Auf der Farm hat der Vater das Sagen.