Das ist Pancha." Ana Rosa stellt erst mal ihre Hündin vor. Sie hat sie auf der Straße aufgelesen und durfte sie behalten - aber nur gegen das Versprechen, dass es bei der einen bleibt. Seitdem wacht Pancha im Hof und bellt, wenn Fremde kommen. "Das ist gut in dieser Gegend."

Das ist gut in Maroñas, im Nordosten von Montevideo. Kein Elendsviertel, aber eine Gegend mit bescheidenen Häusern, an denen seit Jahren gemauert wird. Auch vor dem Eingang zu Ana Rosas Elternhaus liegen Säcke mit Kieselsteinen und Sand. Der Hof soll irgendwann gepflastert, eine Mauer gebaut werden. Fenster und Haustür sind vergittert. Schon zwei Blocks weiter liegt der "Cantegril", wie die Uruguayer die Slums getauft haben, benannt nach dem edelsten Country Club von Punta del Este, "wo die Grillen zirpen". Ana Rosa kennt weder den Badeort Punta del Este noch den Slum um die Ecke. Klassenkameradinnen leben dort, "aber die bleiben unter sich". Auch sie geht nicht zu ihnen nach Hause. "Sie leben in Blechhütten, ganze Familien in einem Zimmer."

Abends geht Ana Rosa nicht mehr auf die Straße. Sie hat Angst, überfallen zu werden. Hat sie denn Geld dabei? "Aber ich könnte entführt werden". Wegen Lösegeld? Das Mädchen zögert. "Was ist Lösegeld?" Nein, sie hat im Fernsehen gesehen, dass in Montevideo Kinder gekidnapt werden, und wenn sie wieder auftauchen, fehlt ihnen eine Niere. Oder ein Auge. Glaubt sie, was das Fernsehen zeigt? Sie zuckt mit den Achseln. Irgendwas wird schon dran sein.

Ana Rosa besucht die sechste Klasse der Hauptschule. Oft fällt der Unterricht wegen Lehrerstreik aus. Auch viele Kinder kommen nicht mehr. Sie helfen im elterlichen Betrieb oder streunen auf der Straße. "Einige Mitschülerinnen haben schon einen Freund, mehrere Freunde sogar. Auch ältere Männer". Das gefällt Ana Rosa nicht. Sie will erst mit fünfzehn einen novio, einen Verlobten. "Ehrlich muss der sein", sagt sie, und treu. "Sie spielt noch mit Puppen", sagt ihr Bruder. Ana Rosa wird rot. "Ich lerne englisch und besuche einen Keramikkurs". Sie läuft in ihr Zimmer und holt tönerne Aschenbecher und Untersetzer.

Früher hatten in Maroñas alle Arbeit, in den großen Textilfabriken. Aber die haben vor Jahren dicht gemacht. Aus Arbeitern wurden Gelegenheitsarbeiter. Auch Ana Rosas Vater war zwölf Jahre Textilarbeiter. Heute ist er in einer Blumenhandlung angestellt, legal, mit Renten- und Krankenversicherung. Fast schon Luxus. Die Mutter geht putzen. Acht Mark die Stunde. Zwei ihrer Brüder finden keinen Job.

"Tierärztin will ich werden". Da ist Ana Rosa ganz sicher. Sie liebt Hunde. In Montevideo streunen sie wie in keiner anderen Stadt rudelweise herum: "Sie tun niemandem etwas, wenn ihnen niemand etwas tut. Ihre Besitzer haben sie einfach ausgesetzt, als sie nicht mehr niedlich waren". Ana Rosa und ihre Freundinnen verfüttern ihre Schulbrote an die Streuner. "Die Lehrer wollen das nicht. Sie haben die Schulfenster vergittern lassen, weil die Hunde nachts auf dem Pausenhof geschlafen haben." Nach der Hauptschule will Ana Rosa aufs Gymnasium, auf ein staatliches, denn Schulgeld würde den Vater seinen halben Lohn kosten. Später will sie sich ihre Ausbildung selbst verdienen.

Vielleicht kann sie mit der Mutter putzen gehen. Haushaltshilfen sind, anders als Fabrikarbeiter, sehr gefragt. Was sie sehr beschäftigt: "Dass Tiere umgebracht werden". Ist sie deshalb Vegetarierin? Ana Rosa versteht die Frage nicht: "Gibt es Leute, die kein Fleisch essen?" In ihrer Familie kommt wie überall in Uruguay jeden Tag Rindfleisch auf den Tisch. Am Wochenende wirft der Vater den Grill im Hof an, dann brutzeln Würste, Innereien und Rippchen auf der Holzkohle. Doch noch etwas macht Ana Rosa Sorge: "Jetzt im Frühling muss ich mich vor der Sonne schützen, meine Haut verbrennt sonst. Die Ozonschicht ist nämlich kaputt gemacht worden." Und hier im Süden, nahe der Antarktis, ist das Ozonloch am größten, haben die Lehrer erklärt. "Die Welt ist kaputt, die Kinder haben keine Zukunft". Politiker? Pfff, macht Ana Rosa verächtlich, was für eine doofe Frage. "Die sind zu nichts gut". Lieber sollten sich Kinder zusammensetzen und überlegen, wie man den Armen helfen kann. "So könnte es gehen!"