Die Welt hat uns, die wir mit dieser unzähmbaren Stadt ringen, immer bewundert. Auf einmal hat sie Angst um uns. Das Telefon klingelt unablässig, die entferntesten Bekannten wollen ein Lebenszeichen von mir hören. Aus Südafrika ruft Anne-Marie an. Ich hatte sie vor drei Jahren für eine Reportage über die Wahrheitskommission interviewt. Sie erzählte mir die Geschichte ihres Sohnes. Er war 20, als das Apartheid-Regime ihn in einen geheimen Krieg nach Angola schickte. Er kehrte in einem schwarzen Plastiksack zurück zu seiner Mutter. Sie durfte ihn nicht öffnen und fragte sich all die Jahre, ob es wirklich ihr Sohn war, den sie beerdigte. Jetzt weint sie für mich und sagt: "Ich habe eine Kerze für dich angezündet."

Ein Flugzeugträger liegt vor der Stadt. Zerstörer kreuzen vor der Atlantikküste. Kampfjets dröhnen am Himmel. Nationalgardisten mit Maschinengewehren marschieren über die West Street. Sie tragen weiße Atemmasken im Gesicht und Schutzbrillen auf den Helmen. Sie erinnern mich an die Soldaten des Golfkriegs. Wir leben jetzt in der sichersten Stadt der Welt. In Amerika. Aber in einem anderen Land.

Rudolph Giuliani steigt aus der Asche. Er war ein Bürgermeister im Zwielicht seiner Amtszeit. Er hatte die Stadt sicherer gemacht, sie herausgeführt aus der Barbarei. Aber das letzte Jahr war ein trauriges Kapitel. Er wurde immer herrischer und war auf dem Weg, als ein Spalter aus dem Amt zu scheiden. Als der Mann, der die Nöte der Schwarzen nicht verstand, die Kunst zensieren wollte und Anständigkeit predigte während er die Hand seiner Geliebten hielt und die Mutter seiner Kinder durch den Dreck schleifte. Es ist vergessen, vergeben. Der große Verbrechensbekämpfer findet seine strahlendste Stunde im größten aller Verbrechen. Aber vielleicht erscheint er nur so groß, weil der Präsident so klein aussieht in diesen Tagen. Und so ängstlich.

Das Empire State Building sieht so einsam aus. Als ich in dieser Nacht an ihm vorbeifahre, mit dem Fahrrad, weil alles andere zu langsam oder gar nicht fährt, laufen mir Menschen entgegen. Sie flüchten vor einer Bombe, ein Suchhund hat sie aufgespürt. Polizisten winken. "In diese Richtung!", rufen sie, "in diese Richtung!" Und wir rennen. Dann blitzt es. Die Menschen machen Bilder, sie glauben, es könnten die letzten sein. Dann die Entwarnung. Der Hund war erschöpft, er hatte den ganzen Tag nach Sprengstoff geschnüffelt. Die Attentäter haben uns getroffen, wo sie uns treffen wollten. Wir trauen der Stadt nicht mehr.

Die Sirenen klingen anders. Schriller. Dringlicher. Ich hatte sie nie wahrgenommen, sie gehörten zur Melodie der Stadt. Jetzt wecken sie mich in der Nacht.