Die Stadt leuchtet. Sie flackert. Im Union Square Park stehen Hunderte und gedenken der Toten. Ihre Gesichter leuchten im Schein der Kerzen, die sie halten. Sie hüllen sich in amerikanische Flaggen, ein Hund trägt sie als Halstuch. Sie legen Blumen ab und sehen in die Gesichter der Vermissten. Sie singen "God Bless America". Und werden vom Heulen der Sirenen übertönt.
Etwas abseits stellt Svend Lindbaek eine weiße Wand auf und schreibt in großen schwarzen Buchstaben "FAITH" darauf. Dann baut er seine Kamera auf, verschwindet unter einem schwarzen Tuch und fotografiert Gesichter vor der Wand. Schwarzweiß. Er lässt die Porträtierten Gedanken auf die Bilder schreiben und sie dann an die andere Seite der Wand heften. Gestern kam ihm die Idee. "Ich wollte Leute fotografieren, die an die Zukunft glauben", sagt er. "Wir müssen Vertrauen in den Anderen haben, auch wenn es schwerfällt."

Dann verschwindet er wieder unter dem schwarzen Tuch, und vor der Wand stehen Setara und Yasmine Delawari, Mutter und Tochter. Sie umarmen sich und lächeln. Die Mutter trägt ein Kreuz und einen Davidsstern am Hals. Der Fotograf drückt auf den Auslöser. "Mein Großvater kam auf einem Boot aus Afghanistan nach Amerika", erzählt Yasmine, "er versteckte sich unter einem Stapel Bananen." Er hatte eines Tages einen Penny gefunden und das Gesicht Abraham Lincolns darauf gesehen. Er betrachtete den Bart des Präsidenten und glaubte, er sei ein Heiliger. Was für ein wundervolles Land, in dem sie Heilige auf ihren Münzen haben, dachte der Großvater und machte sich auf den Weg.

Jetzt steht seine Enkelin im Land Lincolns und betrachtet den weißen Rauch, der aus den Trümmern des World Trade Centers steigt, und erzählt von einem Afghanistan, das sie nie gesehen hat. "Es war ein wundervoller Ort", sagt ihre Mutter, und spricht von 1967, als sie ihr Afghanistan zum letzten Mal sah. Sie fürchtet sich nicht vor dem Moment, in dem Raketen im Land ihrer Väter einschlagen werden. "Die Taliban haben das Land schon vergewaltigt", sagt sie, "mehr kann man ihm nicht antun." Dann nimmt Yasmine das Bild und pinnt es an die weiße Wand. Sie schreibt darauf: "Mutter und Tochter. Nationalität: amerikanisch. Herkunft: afghanisch."

Wenige Straßen weiter, neben Ray's Pizza an der Sixth Avenue, stehen die Menschen schweigend vor einer Wand, an der die Gesichter der Vermissten hängen. Ich glaube einige von ihnen inzwischen zu kennen, so oft habe ich ihre Gesichter gesehen, an den Laternen, den Telefonzellen. Das Lächeln von Giovanna Gambale. Das seidene Haar von Sneba Ann Philipp. Das Hawaiihemd von Nurul Miah. Und seine Frau Shakila in seinen Armen.

Ein junger Mann tritt näher an die Wand. Dann geht er einen Schritt zurück. Betrachtet ein Gesicht. Und sagt: "Oh mein Gott." Leonard Castrianno, "105. Stock, Turm 1", war sein Freund. Der Mann tippt in sein Telefon. Der Mitbewohner Castriannos erzählt ihm, dass es kein Lebenszeichen gibt.. Der Mann ist Israeli, Castrianno war Libanese. "Als ich ihn das letzte Mal sah, sprachen wir über das Leben nach dem Tod", sagt der Mann. "Ich glaube, er ist fort."

Eine Straße weiter, vor dem St. Vincent's Hospital, wartet in dieser Nacht niemand mehr. Es gibt keine Verletzten. Keine Toten. Nur Vermisste. Und Teile ihrer Körper. Der Eingang zur Notaufnahme liegt verlassen im Schein der Flutlichter. Die Bilder der Vermissten flattern im Wind. Einige haben ihre Gesichter verloren. Der Regen hat sie fortgewaschen.