Unter den aktuellen Gegebenheiten erweitern wir heute diese Weisheit und sagen: Auch politische Freundschaft ist eine Frage des Zeitpunktes. Es gilt also das Prinzip der – ach, wie hieß das Wort doch noch?, ja: Kontextualität. Man muss eben immer alles im Zusammenhang sehen.
Kontextuell: Das heißt zum Beispiel, dass nach den Terroranschlägen vom 11. September die Rolle des russischen Präsidenten Putin in Tschetschenien "differenziert" betrachtet werden muss, also im Zusammenhang. Aber wie betrachtet man das Plattmachen und Ausradieren der Stadt Grosny im Zusammenhang, wenn dort zwischen bewaffneten Aufständischen und der Zivilbevölkerung irgendwie nicht differenziert wurde. Außenminister Joschka Fischer hat damit seine Probleme, weil er die Lage offenbar wirklich differenziert betrachten, also zwischen der Abwehr der bewaffneten Sezession und der Niederwalzung der Menschlichkeit, unterscheiden will. Wenn man die Sache differenziert betrachten will, könnte sich hier in symbolischer Vorausahnung abzeichnen, dass der Zeitpunkt herannaht, an dem die rot-grüne Koalition… Denn auch Koalitionen sind eine Frage des Zeitpunktes.

Dass die USA ihr Vorgehen gegen den aus Afghanistan operierenden Terroristen Osama bin Laden mit einer breiten politischen Koalition absichern wollen, kann man nur begrüßen. Aber man darf sich auch wundern, welche Koalitionen in diesem Zeitpunkt zustande kommen. Zum Beispiel Russland. Als es noch ein Imperium war und Sowjetunion hieß und in Afghanistan einmarschiert war, da halfen die Amerikaner den islamischen Fundamentalisten dieses Berglandes gegen die "Soffjets" – unter anderen mit den Stinger-Raketen. Jetzt helfen die Erben der Soffjets den Amis gegen deren vormalige Koalitionspartner – und auch die Amerikaner werden wohl, wie Schröder, das Tschetschenien-Problem etwas differenzierter betrachten. Und so geht es weiter. Wo stand den Pakistan bisher? Hinter den Taliban! Oder umgekehrt…

Kein Spott, bitte! Not kennt eben kein Gebot. Der französische Freund sagt: Il faut ce qu’il faut – Was sein muss, muss sein. In der Politik geht es darum, hier und heute etwas zu erreichen. Wer hilft, hilft – wer nicht, der nicht. Alles eine Frage des Zeitpunkts. Warum sich darüber aufregen? Wo doch morgen schon alles wieder ganz anders sein kann.

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