Wer sein Bekenntnis zu Menschenrechten, Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit ernst meint, empfindet tiefes Mitleiden und ungeteilte Solidarität mit der amerikanischen Nation. Das monströse Verbrechen gegen das Leben von Zehntausenden hat mit vollem Recht zu der Entschließung des UN-Sicherheitsrates geführt, die alle Staaten auffordert zur Zusammenarbeit in der "Antwort auf das Verbrechen" und im Kampf gegen "alle Formen von Terrorismus". Dabei waren die Stimmen Russlands und Chinas von weltpolitischer Bedeutung. Gerechtfertigt war auch der Beschluss des Nato-Rates, wonach der Bündnisfall eintritt, wenn festgestellt wird, dass der Anschlag gegen die USA aus dem Ausland kam. Gleiches gilt für die Beschlüsse von Bundesregierung und Bundestag zur uneingeschränkten Unterstützung der USA. Dies alles war moralisch geboten und zugleich vernünftig. Denn der globale Terrorismus bedroht sehr viele Staaten; wir Deutschen und unsere Nachbarn wissen das spätestens seit 1977.

Abschreckung von Folgetätern

Was muss jetzt geschehen? Kann "Antwort" nur Vergeltung bedeuten? Denn es stellt sich alsgleich die Frage: Gegen wen und wo? Vergeltung würde die Angreifer vom 11. September nicht abschrecken, denn ihr Angriff ist bereits vollendet. Wohl aber ist eine Abschreckung von Folgetätern und Unterstützern denkbar. Dann ist immer noch zu fragen: Mit welchen Mitteln?

Wegen der denkbaren Vielfalt der Antworten haben sich auch bei uns in den letzten 14 Tagen Sorgen und Angst entwickelt. Sie gelten auch der Wirtschaft, die in diesem Jahr ohnehin einer weltweiten Rezession entgegenging und jetzt in zusätzliche Turbulenzen gerät. Aber in den USA sind die Ängste kleiner als der psychisch-politische Druck auf Washington, machtvolle, im Fernsehen sichtbare Schritte zu ergreifen.

Bis zur Stunde hat Washington trotz extremer Nervosität keinen wesentlichen Fehler begangen. Dies gilt auch für die kraftvolle Kongress-Rede des Präsidenten. Sie brachte weltpolitische Vernunft ins Gleichgewicht mit Handlungswillen und militärischer Einsatzbereitschaft.

Präsident Bush hat als Ergebnis bisheriger Aufklärung Al-Qaida, ein Netz von Terrororganisationen, als Täter bezeichnet und von Afghanistan die Auslieferung ihrer Führer verlangt. An der Spitze bin Laden. Das 1998 durch bin Laden erklärte Ziel ist ein starkes Indiz für seine Urheberschaft: "Tötung von Amerikanern und ihren Verbündeten, Zivilisten und Militärs, in jedem Land, in dem es möglich ist". Die Tatsache, dass die Schura (geistlicher Rat) in Kandahar bin Laden aufgefordert hat, das Land zu verlassen, impliziert die bisherige "Gastfreundschaft" durch die Taliban. Deren Ablehnung der ultimativen Auslieferungsforderung mag für Washington zur Rechtfertigung eines militärischen Eingreifens in Afghanistan ausreichen.

Afghanistan ist beinahe doppelt so groß wie Deutschland; es umfasst jedoch nur etwa 25 Millionen Einwohner. Mindestens seit drei Jahrzehnten werden diese Menschen von blutigen Unruhen und wechselnden Gewaltherrschern gequält. Die Sowjetunion hat ein Jahrzehnt lang versucht, das Land militärisch zu unterwerfen. Jedoch hat die Hochgebirgslandschaft den technisch überlegenen Sowjets einen Erfolg genauso unmöglich gemacht wie im 19. Jahrhundert den Engländern. Sowohl ein Kommandounternehmen als auch breit angelegte Bodenintervention sind im Hindukusch nach aller Erfahrung mit enormen Risiken verbunden.