Die Erfolgsgeschichte des Grundgesetzes lässt sich nicht von der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts trennen. Denn ihr verdankt es seine hohe Wirkungskraft. Deswegen war beim 50-jährigen Jubiläum des Grundgesetzes am 23. Mai 1999 viel vom Bundesverfassungsgericht die Rede. Sein eigenes Jubiläum konnte es damals jedoch noch nicht feiern. Während die übrigen Staatsorgane bereits im Gründungsjahr der Bundesrepublik entstanden waren, sollten bis zur Errichtung des Bundesverfassungsgerichts noch zwei Jahre vergehen. Die Ursache lag im Grundgesetz selbst. Es hatte nur das Fundament für die Verfassungsgerichtsbarkeit geschaffen, alles Weitere aber einem Bundesgesetz überlassen, das erst im März 1951 zustande kam.

Doch nun zog sich die Verfassungsrichterwahl in die Länge, obwohl bereits Anträge eingingen, darunter ein dringlicher: Aus den Ländern Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern sollte der so genannte Südweststaat, das heutige Baden-Württemberg, gebildet werden. Schon in den Beratungen der Neugliederungsgesetze waren aber Zweifel an ihrer Verfassungsmäßigkeit aufgetaucht. Die badische Landesregierung beantragte am 25. Mai eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts.

Der Abstimmungstag rückte näher, ohne dass es ein Verfassungsgericht gegeben hätte. Erst am 6. September waren die Richterwahlen abgeschlossen. Am 7. September 1951 sollten die Richter in Bonn vereidigt werden und aus der Hand von Bundespräsident Heuss ihre Ernennungsurkunden empfangen. Schwarz gekleidet, harrten sie an diesem feucht-heißen Bonner Spätsommertag des Bundespräsidenten, der aus Berlin erwartet wurde. Er traf mit großer Verspätung ein. Mitternacht nahte schon, als 23 Männer und eine Frau zu den ersten Richtern des Bundesverfassungsgerichts geworden waren.

Danach ging alles Schlag auf Schlag. Am nächsten Vormittag, weiterhin in Bonn, beschloss das Plenum des Gerichts, für das Südweststaats-Verfahren sei der Zweite Senat zuständig. Dieser nahm umgehend die Arbeit auf. Am übernächsten Tag, dem 9. September 1951, verkündete er die erste Entscheidung des Gerichts: Die Volksabstimmung über die Länderneugliederung wurde ausgesetzt. In der Sache selbst entschied das Bundesverfassungsgericht, nun schon in Karlsruhe, wo es am 28. September 1951 feierlich eröffnet worden war, im Oktober: Das erste Neugliederungsgesetz wurde für nichtig, das zweite im Kern für verfassungsmäßig erklärt. Die Volksabstimmung konnte am 9. Dezember 1951 nachgeholt werden.

Der ersten Senatsentscheidung sind bis heute rund 2825 gefolgt, die alle in den mittlerweile 102 Bänden der Entscheidungssammlung nachgelesen werden können. Hinzu kommen die Beschlüsse, die im vereinfachten Verfahren von Kammern mit drei Richtern gefällt werden, bis heute rund 130 000. Ohne diese Entscheidungen sähe die Bundesrepublik in vielem anders aus. Sicher stände sie den Prinzipien ferner, auf die sich die Gesellschaft in ihrer Verfassung für die politische und soziale Ordnung geeinigt hat. Sicher hätte die Eigenlogik der Politik und der Wirtschaft sich ungehemmter durchsetzen können.

Manche mögen sich erinnern, dass erst das Bundesverfassungsgericht die vom Grundgesetz verheißene Gleichberechtigung von Frau und Mann gegen einen zaudernden Gesetzgeber und widerstrebende Zivilgerichte durchsetzte. Andere werden das Urteil zum Grundlagenvertrag mit der DDR hervorheben, das der Bundesrepublik unter Berufung auf die Präambel des Grundgesetzes jede Preisgabe des Anspruchs auf Wiedervereinigung untersagte und ohne das sich die Einheit 1990 möglicherweise nicht so reibungslos hätte herstellen lassen. Wieder andere werden die Entscheidung nennen, die der überkommenen Annahme ein Ende bereitete, innerhalb staatlicher Anstalten und Einrichtungen (wie Gefängnissen, Schulen, Streitkräften) müssten die Grundrechte nicht beachtet werden. Vielen würden die beiden Urteile zur Abtreibungsfrage einfallen, mit der das Bundesverfassungsgericht nicht weniger rang als die Gesellschaft.

Ein Anrecht auf das Prädikat "wichtigste Entscheidungen" haben aber auch diejenigen, welche Regierung, Parlament und Parteien daran hinderten, Gesetze und staatliche Ressourcen zur Selbstbegünstigung und zur Behinderung ihrer Konkurrenten einzusetzen und so die Offenheit des demokratischen Prozesses zu schmälern. Mit gutem Grund kann man weiter die Reihe der Fernseh-Urteile nennen, die sich einerseits einer Vollkommerzialisierung, andererseits einer politischen Instrumentalisierung des wichtigsten Massenmediums in den Weg stellten.