Wenn Dieter Einfeld seinen neuen Arbeitsplatz besucht, kann er bei gutem Wetter die Kuppeln von Jerusalem sehen. Meistens ist es zwar diesig, doch das stört den Physiker kaum. In den Bergen Jordaniens, zwischen Kiefern und auf rotem Sand, will Einfeld eine utopisch anmutende Idee verwirklichen: Wissenschaftler aus dem Westjordanland und aus Israel, aus Griechenland und der Türkei, Ägypten und dem Iran sollen unter dem Dach eines gemeinsamen Großlabors forschen. Der Name ist Programm: Sesame. Die Zauberformel soll nicht nur erstklassigen Forschern, sondern auch dem Friedensprozess die Tür öffnen. Wenigstens die Hintertür. "Sesame ist nach den Anschlägen von New York aktueller denn je", sagt Einfeld. Anfang September hat der 60-Jährige seine Professur in Karlsruhe gegen den Posten eines Sesame-Projektleiters eingetauscht. In drei Monaten wird er mit dem Forschungsminister von Jordanien den ersten Spaten Sand ausheben - für ein Mekka der Wissenschaft und der Völkerverständigung.

Das Vorbild für das friedensstiftende Forschungsprojekt steht in Genf. Das Europäische Laboratorium für Teilchenphysik (Cern) wurde nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem ausdrücklichen Ziel gegründet, eine wissenschaftliche Brücke zwischen zuvor verfeindeten Nationen zu schlagen. Das Cern war eine der ersten europäischen Organisationen, in der Deutsche wieder gleichberechtigt mit am Tisch saßen. Während des Kalten Krieges teilten sich in Genf amerikanische und russische Physiker die Büros. Heute forschen hier 6500 Wissenschaftler aus 80 Ländern, Christen und Juden, Muslime und Atheisten.

"Mit Sesame wollen wir den Geist des Cern in den Nahen Osten bringen", schwärmt Herwig Schopper, der das Genfer Forschungszentrum in den achtziger Jahren leitete. Der 77-jährige Schopper, ein alter Hase der internationalen Forschungspolitik, wurde vor zwei Jahren zum Chef des Sesame-Interim-Council gewählt. Der Physiker traf Arafat, König Abdullah II. von Jordanien gewährte ihm Audienzen. Schopper zieht die Fäden zur Unesco, die wie beim Cern die Schirmherrschaft über Sesame übernehmen soll, und versucht bei der Europäischen Union Gelder loszueisen.

Deutsche Wissenschaftler betätigen sich damit nicht zum ersten Mal als Friedensmakler im Nahen Osten. Schon in den heiklen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel waren Forscher Vorreiter der Politik: Schon ein Jahr, bevor die beiden Staaten 1965 erstmals Botschafter austauschten, hatten die Max-Planck-Gesellschaft und das Weizmann-Institut in Rehovot einen Kooperationsvertrag abgeschlossen. Heute sollen so genannte trilaterale Projekte die Verständigung zwischen Israelis, Palästinensern und Deutschen befördern. So erforschen Meeresökologen aus Bremen, Jerusalem, Kairo und Akaba gemeinsam das Rote Meer, am Toten Meer arbeiten Wissenschaftler aus Potsdam, Tel Aviv und Nablus zusammen. Über 20 solcher trilateralen Programme hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft mittlerweile finanziert, und Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn wurde auf ihrer jüngsten Israel-Reise nicht müde, dies als Beitrag zum Frieden zu loben.

Die Sesame-Vision geht allerdings deutlich über die bisherigen Kooperationsprojekte hinaus - schließlich sind daran neben Israel und der palästinensischen Autonomiebehörde auch Armenien, Zypern, Ägypten, Griechenland, Iran, Jordanien, Marokko, Oman und die Türkei beteiligt, Kuwait und Pakistan wollen bald einsteigen. Das Kürzel Sesame - Synchrotron Light for Experimental Science and Applications in the Middle East - steht für ein überdimensionales Röntgenmikroskop. Geplant ist eine Experimentierhalle, groß wie ein Fußballplatz. Sie wird ein ringförmiges, luftleeres Stahlrohr beherbergen, in dem Elektronen fast mit Lichtgeschwindigkeit im Kreis flitzen. Starke Magnete zwingen die Teilchen auf ihre 100 Meter lange Kurvenbahn. Dabei strahlen die Elementarteilchen fortwährend Röntgenlicht ab, auch Synchrotronstrahlung genannt. Mit der intensiven und energiereichen Strahlung untersuchen Wissenschaftler Proteinkristalle und Materialproben. Vergleichbare Röntgenlichtquellen stehen in mehr als 20 Ländern, von China über Europa und die USA bis nach Brasilien und Australien. In Heerscharen pilgern Biologen, Physiker und Materialforscher zu solchen Experimentierstätten. Nur im Nahen Osten hat die Karte der Synchrotronstrahlungsquellen bislang einen weißen Fleck.

Schon die Vorgeschichte von Sesame hat Symbolcharakter: Das Herzstück der Anlage, der Elektronenspeicherring Bessy I, kommt aus einer geteilten Stadt. In Berlin forschten Physiker aus Ost und West vor dem Mauerfall gemeinsam an der Röntgenlichtquelle. Vor drei Jahren ging eine neue Anlage, Bessy II, im Osten der Stadt in Betrieb. Zwei benachbarte Maschinen waren dem Senat zu teuer. Seitdem stehen 300 Tonnen Stahl, Elektronik und Vakuumpumpen, auf Paletten verpackt und mit Folie überzogen, auf dem Bessy-I-Gelände in Berlin-Wilmersdorf. Für den Betrieb zu teuer, fürs Verschrotten zu schade. Auf einer Physikkonferenz wurde von ein paar Veteranen die Idee geboren, die Anlage in den Nahen Osten zu verschiffen und dort wieder aufzubauen.

"Die Nerven liegen blank"