In Bezug auf Autos bin ich nicht verwöhnt. Jedes Jahr wird mir am Urlaubsort ein anderer Kleinwagen untergeschoben. Fiesta, Corsa, Punto, der zickige Cinquecento, kaum ein Modell, mit dem ich nicht schon die schönsten Wochen des Jahres geteilt hätte. Zuletzt war's ein Hyundai, ein Auto wie ein schlaffer Händedruck. Da ist der Wagen hier ein ganz anderes Kaliber. Die Kupplung stramm, die Lenkung wendig - jetzt wollen wir doch mal sehen, was es tatsächlich auf sich hat mit seiner angeblichen Hyperaktivität: "Der soll ja über 200 fahren - sagenhaft!"

Der erwartungsvolle Vorstoß in Richtung Autobahn - Sonntagmittag wird da ja wohl ein bisschen Platz sein - bleibt nach 500 Metern im Stau auf der Strecke. Die Stadt Hamburg hat an diesem Sonntag das gesamte Alsterufer gesperrt, Hunderte von Autos stehen Schlange, damit etwa 30 bis 40 Inline-Skater im Nieselregen ihre Bahnen ziehen können. Schlagartig fällt mir wieder ein, warum ich mich weigere, mir für die Stadt ein Auto zuzulegen. Nun wird der gut gemeinte Ratschlag des Kollegen Wirklichkeit: Ich fahre im ersten Gang nach Hause.

Da bleibt viel Zeit, um mich im Innenleben des Peugeot umzutun. Um mich herum der ganze Firlefanz und Schnickschnack, dieses Sortiment an Knöpfen, Hebelchen, Schaltern, Displays, ohne die heute selbst vernünftige Autos nicht mehr auskommen dürfen. Bei meinen ersten Ferienautos konnte man die Fenster noch rauf- und runterkurbeln. Nun surren die Scheiben auf Knopfdruck auf und ab - schön, wenn man drinsitzt, blöd, wenn man ausgestiegen ist und vergessen hat, die Fenster vorher zu schließen. Statt einfach hochdrehen heißt das dann: wieder einsteigen, Motor anlassen, Knopf drücken, Motor ausschalten, aussteigen, abschließen. Unter dem ganzen Elektrosmog habe ich eigentlich nur ein einziges Partikel als hilfreich empfunden: dass die Wagen neueren Datums protestierend Laut geben, wenn man sie allein lassen will, ohne vorher das Licht ausgeknipst zu haben.

Und wie, bitte, schalte ich die Heizung aus? Die hat jemand vorsorglich auf 23 Grad hochgeheizt - sagt jedenfalls ein orangefarbenes Display mit dem stilisierten Abbild eines Peugeot, umgeben von grafisch interessant gestalteten Wellenlinien. Offensichtlich kann man dieses Auto nicht nur beheizen und belüften, sondern es in eine individuellen Bedürfnissen angepasste Klimazone verwandeln. Aber wie? Die Bedienungsanleitung hat Anmutung und Umfang einer ingenieurwissenschaftlichen Diplomarbeit. Bloß dumm, dass die Vorlage nicht dem Modell entspricht, in dem ich gerade sitze. Kaum einer der vielversprechenden Hebel ist da, wo er laut Plan zu sein hätte. Und vergebens versuche ich, wenigstens eines der angeblich vorhandenen drei Radios einschalten. Gegen 23 Grad konstante Innentemperatur hilft nur ein technikfeindlicher Rückfall in die Steinzeit: Fenster aufmachen. Nun regnet's auch noch rein.

Nach schätzungsweise 500-mal Treten-Schalten-Kommenlassen kündigt sich ein Krampf in der Kupplungswade an. Damit einher geht der Hader mit der europäischen Automobilideologie, die selbst einen unprätentiösen Kleinwagen mit dem Cockpit einer Concorde ausstattet, serielle Automatikschaltung jedoch als "unsportlich" brandmarkt. Jetzt zum Beispiel würde eine leichte Bewegung der großen Zehe weg vom Bremspedal ausreichen, um wenigstens schmerzfrei stundenlang im Stau voranzustottern. Vor meinem inneren Auge läuft eine ferne Erinnerung ab: ich am Steuer einer riesigen amerikanischen Limousine, mit Automatik natürlich, kühlender Klimaanlage, sanft abgetönten Scheiben und Reifen, die wie Pantoffeln behaglich meilenweit über einen völlig leeren Highway schlappen - mein Traum vom Fahren, the American way of driving.

Im Hamburger Niesel hat sich rechts von mir unversehens eine Lücke und damit die Gelegenheit zu einem Ausbruchsversuch aufgetan. Flink ist der Kleine. Frech schlängelt er sich durch die Phalanx der Dicken, die nicht nachkommen können und wütend hinterherhupen. Die 210 Spitzenkilometer traue ich ihm inzwischen blindlings zu. Wenn er noch fünf Türen hätte (die jedes gute Auto haben sollte) und wenn der Koffer, der Hund, eine Weinkiste, die Butangasflasche und vielleicht noch ein Beifahrer reinpassten, dann wäre er wahrscheinlich mein Urlaubsfavorit.

Aber das alles kann ich nicht ausprobieren, denn es gibt kein Entkommen. Der Fluchtversuch endet nach ein paar hundert Metern in den Absperrseilen des Malteser Hilfsdienstes. Der wacht zwar über das Wohlergehen der Rollschuhläufer, hat aber für stautraumatisierte Autofahrer keinerlei Hilfsdienste im Angebot. Der Adrenalinpegel steigt unkontrolliert; so schnell will ich mich nicht geschlagen geben. Und der Kleine ist ein temperamentvoller Komplize bei weiteren Ausbruchsmanövern: rückwärts in die Einbahnstraße, Wendemanöver mit Lichthupe über den durchgezogenen Mittelstreifen (er wendet praktisch auf der Hinterhand), sportliches Entern relativ hoher Bordsteinkanten mit kurzer Sprinteinlage auf dem Bürgersteig - begeistert macht er alles mit. Als er jedoch mit Volldampf auf einen versprengten Inline-Skater zuhält, muss ich wohl oder übel richtig streng bremsen. Und siehe da - auf gefühlvollen Bremstritt gehorcht er, ohne zu bocken oder zu schleudern oder mich über die Frontscheibe abzuwerfen. Der Skater hat nicht mal was bemerkt.